Artikel
Service DesignIshikawa-Diagramm: Anleitung, Moderationstipps & Vorlage
Ishikawa-Diagramm Schritt für Schritt: 90-Min-Workshop-Leitfaden mit Moderationstipps, M-Modell-Vergleich (4M–8M), Servicebeispiel & kostenlose Vorlage.
Das Ishikawa-Diagramm (auch Fischgrätendiagramm, Ursache-Wirkungs-Diagramm oder Fishbone Diagram) ist ein strukturiertes Werkzeug für die Ursachenanalyse, das mögliche Ursachen eines Problems in Kategorien ordnet und visuell als Fischgrätenmuster darstellt. Es gehört zu den sieben elementaren Qualitätswerkzeugen (Q7) und wurde 1943 von Kaoru Ishikawa bei Kawasaki Steel Works erstmals eingesetzt [1].
Im Gegensatz zu unstrukturiertem Brainstorming erzwingt das Ishikawa-Diagramm eine systematische Durcharbeitung aller Ursachenkategorien. Das macht es besonders wertvoll, wenn ein Problem mehrere potenzielle Ursachenbereiche hat — Mensch, Methode, Maschine, Material, Mitwelt — und das Team über die offensichtlichste Erklärung hinausgehen muss.
Suchst du im deutschsprachigen Netz nach „Ishikawa-Diagramm”, findest du zehn Varianten desselben Inhalts: Definition, 5M-Liste, ein Fertigungsbeispiel. Kein Ergebnis liefert einen konkreten Moderationsleitfaden für einen 90-Minuten-Workshop. Keines erklärt, welches M-Modell (4M, 5M, 6M, 7M, 8M) du wann verwenden solltest. Und keines benennt ehrlich die Situationen, in denen das Ishikawa-Diagramm die falsche Methode ist.
Dieser Leitfaden schließt diese Lücken — mit einem vollständigen Workshop-Ablauf, einer M-Modell-Entscheidungshilfe, einem Beispiel aus dem Servicekontext und einer Übersicht der häufigsten Fehler.
Von Kawasaki Steel Works zu den Q7: Woher die Methode kommt
Kaoru Ishikawa (1915-1989) war Professor an der Ingenieurfakultät der Universität Tokio und einer der Begründer des modernen Qualitätsmanagements. 1943 setzte er das Ursache-Wirkungs-Diagramm erstmals bei Kawasaki Steel Works ein, um Fabrikprobleme systematisch zu analysieren [1].
In seinem Standardwerk Guide to Quality Control (1968) beschrieb Ishikawa das Diagramm als eines von sieben elementaren Qualitätswerkzeugen — zusammen mit Histogramm, Prüfblatt, Pareto-Diagramm, Regelkarte, Streudiagramm und Verlaufsdiagramm [1]. Die American Society for Quality (ASQ) stuft es bis heute als eines der am häufigsten eingesetzten Werkzeuge im Qualitätsmanagement ein [2].
Der Name „Fischgrätendiagramm” leitet sich von der visuellen Struktur ab: Das Problem steht am Kopf des Fisches (rechts), die Hauptkategorien bilden die Gräten, und die einzelnen Ursachen zweigen als Nebengräten ab — so tief wie nötig, bis die Grundursache erreicht ist.
Welches M-Modell solltest du verwenden?
Eine häufige Quelle der Verwirrung: Es gibt nicht „die” M-Kategorien. Ishikawa selbst empfahl, die Kategorien an das jeweilige Problem anzupassen [1]. Die verbreiteten M-Modelle sind Varianten, keine Dogmen.
| Modell | Kategorien | Geeignet für | Typische Branche |
|---|---|---|---|
| 4M | Mensch, Maschine, Material, Methode | Einfache Produktionsprobleme | Fertigung (Grundform) |
| 5M | + Mitwelt (Milieu/Umwelt) | Probleme mit Umgebungseinflüssen | Fertigung, Logistik |
| 6M | + Messung (Messtechnik) | Qualitätsprobleme mit Datenaspekt | Qualitätsmanagement, Labor |
| 7M | + Management | Organisatorische Probleme | Dienstleistung, Projektmanagement |
| 8M | + Money (Finanzen) | Probleme mit Budgetbezug | Strategische Analyse |
Empfehlung: Starte mit 6M als Standardkonfiguration. Ergänze Management (7M), wenn organisatorische Ursachen relevant sind — das ist bei Dienstleistungsproblemen fast immer der Fall. Die 4M-Grundform reicht für einfache, klar abgegrenzte Fertigungsprobleme.
Wichtig: Du bist nicht an diese Bezeichnungen gebunden. Wenn dein Problem im digitalen Kundenservice liegt, können sinnvollere Kategorien „Technologie”, „Daten”, „Prozess”, „Kundenschnittstelle”, „Schulung” und „Organisation” sein. Die M-Modelle sind Startpunkte, keine Zwangsjacken.
Wann eignet sich das Ishikawa-Diagramm?
Das Ishikawa-Diagramm ist nicht für jedes Problem das richtige Werkzeug. Seine Stärke liegt in der strukturierten Hypothesenbildung über mögliche Ursachen — nicht in der Ursachenbestätigung.
Nutze das Ishikawa-Diagramm, wenn:
- Ein Problem mehrere potenzielle Ursachenbereiche hat und du alle systematisch durcharbeiten willst
- Ein cross-funktionales Team unterschiedliche Erklärungen für dasselbe Problem hat — idealerweise mit Vertretern verschiedener Nutzertypen, die das Problem aus ihrer jeweiligen Perspektive kennen
- Du über das Offensichtliche hinausgehen musst und das Team zu tieferem Nachdenken bewegen willst
- Die Nachvollziehbarkeit der Analyse für Stakeholder oder Audits wichtig ist — ein dokumentierter Ishikawa-Workshop unterstützt die Erfüllung von ISO 9001:2015, Abschnitt 10.2 (Nichtkonformität und Korrekturmaßnahmen), der eine systematische Ursachenermittlung bei Abweichungen fordert
Nutze ein anderes Werkzeug, wenn:
| Situation | Bessere Alternative | Warum |
|---|---|---|
| Du willst die tiefste Ursache einer einzelnen Kette finden | 5-Warum-Methode | Die 5-Warum-Methode bohrt vertikal, Ishikawa arbeitet horizontal über Kategorien |
| Das System hat Rückkopplungsschleifen und komplexe Wechselwirkungen | Systemdynamik / Causal Loop Diagram | Ishikawa erfasst keine Interdependenzen zwischen Ursachen [3] |
| Du brauchst quantitative Wahrscheinlichkeiten für Ursachenketten | Fehlerbaumanalyse (FTA) | FTA zeigt logische Abhängigkeiten und berechenbare Ausfallwahrscheinlichkeiten |
| Du willst Fehler proaktiv verhindern, bevor sie auftreten | FMEA | Ishikawa ist retrospektiv — es analysiert existierende Probleme, nicht potenzielle [4] |
| Quantitative Daten liegen bereits vor | Streudiagramm / Regression / DOE | Statistische Methoden liefern Evidenz, Ishikawa liefert Hypothesen |
Praxistipp — Ishikawa + 5-Warum + Pareto als integrierter Workflow:
Ishikawa allein liefert Hypothesen, aber keine bestätigten Ursachen und keinen Maßnahmenplan. Erst die Kombination mit zwei weiteren Werkzeugen ergibt einen vollständigen Analysezyklus (ähnlich wie der Morphologische Kasten systematische Kombination nutzt, nutzt dieser Workflow systematische Vertiefung):
- Ishikawa für die Breite (90 Minuten, gemeinsamer Workshop): Sammle alle möglichen Ursachen über die M-Kategorien hinweg. Priorisiere mit Dot-Voting auf die Top 3. Ergebnis: 3 Ursachenhypothesen.
- 5-Warum für die Tiefe (45 Minuten, separate Sitzung je Hypothese): Bohre jede der 3 priorisierten Ursachen mit der 5-Warum-Methode bis zur Grundursache. Plane diese Sitzung bewusst nicht direkt im Anschluss an den Ishikawa-Workshop — das Team braucht Zeit, um erste Daten zu sichten und mit frischem Blick in die Tiefenanalyse zu gehen.
- Pareto für die Priorisierung (30 Minuten): Bewerte die identifizierten Grundursachen nach Häufigkeit und Auswirkung. Erstelle daraus einen konkreten Maßnahmenplan mit Verantwortlichen und Terminen. Die Pareto-Analyse verhindert das häufigste Scheitern: alle Ursachen gleichzeitig angehen und keine davon gründlich.
Schritt für Schritt: Ishikawa-Workshop in 90 Minuten
Die meisten Anleitungen zum Ishikawa-Diagramm beschreiben abstrakte Schritte. Hier folgt ein konkreter Workshop-Ablauf mit Zeitvorgaben, Materialien und Moderationstipps.
Vorbereitung (vor dem Workshop):
- Teilnehmer: 4-8 Personen aus verschiedenen Bereichen, die das Problem aus unterschiedlichen Perspektiven kennen [6]. VOREST AG empfiehlt 2-4 Stunden für einen vollständigen Workshop [6] — unser 90-Minuten-Format ist eine gestraffte Variante, die Priorisierung und Nachverfolgung auf das Wesentliche verdichtet.
- Material: Whiteboard oder Flipchart, Moderationskarten/Post-its in verschiedenen Farben (eine Farbe pro M-Kategorie), Stifte, Klebepunkte für die Priorisierung
- Raum: Stehtische oder offene Fläche bevorzugt — im Stehen bleiben Workshops erfahrungsgemäß kürzer und aktiver als im Sitzen
- Vorbereitung: Problemstellung vorformulieren und vorab an alle Teilnehmer senden
Phase 1: Problem definieren (10 Minuten)
Formuliere das Problem als konkrete, messbare Aussage — nicht als vage Klage.
| Schlecht | Besser | Branchenbeispiel |
|---|---|---|
| „Die Qualität ist schlecht” | „Die Fehlerrate in der Onboarding-Phase hat sich in Q3 um 40% erhöht” | Telko-Anbieter |
| „Kunden beschweren sich” | „23% der Neukunden kündigen innerhalb der ersten 90 Tage” | SaaS / Versicherung |
| „Der Prozess funktioniert nicht” | „Die Durchlaufzeit von der Anfrage bis zum Angebot beträgt 14 Tage statt der Ziel-5-Tage” | Mittelstand B2B |
| „Die Mitarbeiter machen Fehler” | „Bei 18% der Schadensmeldungen fehlen Pflichtfelder, was zu Rückfragen und 4 Tagen Verzögerung führt” | Versicherung |
| „Der Service ist zu langsam” | „Die mittlere Erstlösungszeit im Kundensupport liegt bei 72h statt der SLA-Vorgabe von 24h” | IT-Dienstleister |
Moderationstipp: Lass die Gruppe die Problemstellung gemeinsam schärfen. Investiere lieber 5 Minuten mehr in die Definition als 30 Minuten in ein Diagramm mit vager Fragestellung. Das Juran Institute warnt: Ohne eine klare Problemstellung sei das Fischgrätendiagramm nicht effektiv — es werde „unnötig groß, komplex und schwer nutzbar” [5].
Schreibe die finale Problemstellung an den „Fischkopf” (rechts auf dem Whiteboard) und zeichne die Wirbelsäule (horizontale Linie nach links).
Phase 2: M-Kategorien festlegen (5 Minuten)
Wähle dein M-Modell (siehe Tabelle oben) und zeichne die Hauptgräten. Für die meisten Dienstleistungsprobleme empfehlen wir 6M oder 7M.
Moderationstipp: Schreibe die Kategorien nicht nur an die Gräten — hänge zu jeder Kategorie eine Leitfrage auf. Das lenkt das Brainstorming gezielter als eine bloße Kategorienbezeichnung.
7M-Leitfragen (am Whiteboard aufhängen oder vorlesen):
| Kategorie | Leitfrage |
|---|---|
| Mensch | „Welche menschlichen Faktoren — Wissen, Erfahrung, Kommunikation, Verfügbarkeit — könnten zu diesem Problem beitragen?” |
| Maschine | „Welche technischen Systeme, Werkzeuge oder Software könnten beteiligt sein?” |
| Material | „Welche Eingangsdaten, Materialien oder Informationen könnten fehlerhaft oder unvollständig sein?” |
| Methode | „Welche Prozesse, Arbeitsanweisungen oder Abläufe könnten das Problem verursachen?” |
| Mitwelt | „Welche Umgebungsfaktoren — Markt, Kundenverhalten, Regulierung — könnten eine Rolle spielen?” |
| Messung | „Könnten fehlerhafte Messungen, KPIs oder Datenerhebungen das Problem verzerren oder verdecken?” |
| Management | „Welche Entscheidungen, Ressourcen oder Strukturen auf Führungsebene könnten beitragen?” |
Sage wörtlich: „Wir starten jetzt mit der Kategorie Mensch. Ihr habt 5 Minuten. Schreibt jede Ursache auf ein separates Post-it — Stichworte reichen. Es gibt keine falschen Antworten.”
Phase 3: Ursachen sammeln (35 Minuten)
Dies ist die zentrale Phase. Arbeite jede Kategorie systematisch durch — nicht alle gleichzeitig.
Ablauf:
- Starte mit einer Kategorie (z.B. „Mensch”)
- Jeder Teilnehmer schreibt Ursachen auf Post-its (eine Ursache pro Post-it, Stichworte reichen)
- Post-its werden an die entsprechende Gräte geklebt
- Zu jeder Ursache die Frage stellen: „Und warum ist das so?” — die Antwort wird als Neben-Gräte angefügt
- Wiederhole „Warum?” 2-3 Mal, um von Symptomen zu Grundursachen zu kommen
- Nach 5 Minuten zur nächsten Kategorie wechseln
Moderationstipp: In dieser Phase gilt die Trennung von Sammeln und Bewerten. Erlaube keine Kommentare wie „Das können wir nie ändern” oder „Das ist unrealistisch”. Jede genannte Ursache wird notiert. Die Bewertung kommt in Phase 4.
Moderationstipp: Wenn eine Kategorie „leer” bleibt, ist das ein Signal: Entweder ist die Kategorie für dieses Problem irrelevant (was in Ordnung ist), oder das Team hat einen blinden Fleck. Frage gezielt: „Wenn ich die Abteilung [X] befragen würde — was würden die sagen?”
Wenn es schwierig wird — drei typische Situationen:
- Das Team schweigt: Sage: „Ich höre zur Kategorie [X] noch nichts. Stellt euch vor, ein neuer Mitarbeiter startet morgen und beobachtet unseren Prozess zum ersten Mal — worüber würde er stolpern?” Der Perspektivwechsel löst fast immer die Blockade.
- Eine Person dominiert: Sage: „Danke für den Beitrag, [Name]. Ich möchte jetzt bewusst andere Perspektiven hören. Wer sieht das anders oder kann ergänzen?” Alternativ: 2 Minuten stille Einzelarbeit auf Post-its ansetzen, dann erst sammeln.
- Diskussion statt Sammlung: Sage: „Wir sammeln gerade — die Bewertung kommt in Phase 4. Schreibt bitte beide Sichtweisen als separate Post-its auf.” Unterbrich Diskussionen konsequent — sie fressen die gesamte Zeitbox.
Zeitsignal: Kündige 1 Minute vor dem Kategorienwechsel an: „Noch 60 Sekunden für Mensch, dann wechseln wir zu Maschine.” Nutze einen sichtbaren Timer (Handy-Timer auf dem Tisch).
Phase 4: Priorisieren (20 Minuten)
Das Diagramm ist jetzt voll — möglicherweise mit 30-50 Post-its. Ohne Priorisierung bleibt es ein buntes Poster ohne Handlungsanleitung.
Methode 1: Dot-Voting (schnell, 10 Minuten)
- Jeder Teilnehmer bekommt 3 Klebepunkte
- Punkte auf die Ursachen kleben, die man für am wahrscheinlichsten hält
- Die 3-5 Ursachen mit den meisten Punkten werden weiterverfolgt
Methode 2: ABC-Klassifizierung (gründlicher, 20 Minuten)
- A = starker Einfluss (wahrscheinliche Grundursache)
- B = mittlerer Einfluss (möglicher Beitrag)
- C = schwacher Einfluss (unwahrscheinlich)
- Nur A-Ursachen werden weiterverfolgt [6]
Methode 3: X/N/C-Klassifizierung (datengetrieben, 20 Minuten)
- X = durch Daten bestätigte Ursache
- N = durch Daten widerlegte Ursache
- C = noch zu prüfen (Daten fehlen)
- Alle C-Ursachen werden zum Prüfauftrag [7]
Moderationstipp: Methode 1 (Dot-Voting) eignet sich für schnelle Workshops. Methode 3 (X/N/C) eignet sich, wenn das Team bereits über Daten verfügt. Methode 2 (ABC) liegt dazwischen. Wähle die Methode vor dem Workshop, nicht währenddessen.
Phase 5: Nächste Schritte festlegen (20 Minuten)
Für jede priorisierte Ursache:
- Verifizierung definieren: Welche Daten müssen gesammelt werden, um die Hypothese zu bestätigen oder zu widerlegen?
- Verantwortliche benennen: Wer prüft diese Ursache bis wann?
- Maßnahmen skizzieren: Wenn die Ursache bestätigt wird, was ist die erste Gegenmaßnahme?
Wichtig: Das Ishikawa-Diagramm liefert Hypothesen, keine bestätigten Ursachen. Die Ergebnisse „spiegeln die Annahmen des Teams wider, nicht bestätigte Fakten” [8]. Ohne Verifizierung ist der Workshop Zeitverschwendung [5].
Dokumentiere die Ergebnisse: Foto des Diagramms, Liste der priorisierten Ursachen mit Verantwortlichen und Terminen, geplante Verifizierungsschritte.
Beispiel: Ursachenanalyse im Kundenservice
Problem: „23% der Neukunden kündigen innerhalb der ersten 90 Tage nach Vertragsabschluss.”
Ein cross-funktionales Team aus Kundenservice, Produktmanagement, IT und Vertrieb erstellt ein 7M-Ishikawa-Diagramm:
| Kategorie | Mögliche Ursachen | Tiefere Ursache (Warum?) |
|---|---|---|
| Mensch | Service-Mitarbeiter kennen nicht alle Produktfeatures | Onboarding-Schulung deckt nur 60% der Features ab |
| Methode | Kein strukturierter Onboarding-Prozess für Neukunden | Prozess wurde bei Produkterweiterung nicht aktualisiert |
| Maschine (Technologie) | Self-Service-Portal hat 8-Sekunden-Ladezeit | Backend-Migration auf neues System verzögert |
| Material (Daten) | Kundenfeedback wird nicht systematisch ausgewertet | Kein Feedback-Loop zwischen Support und Produktteam |
| Mitwelt (Kundenschnittstelle) | Erwartungen aus dem Vertrieb stimmen nicht mit Realität überein | Vertrieb verspricht Features, die noch in Entwicklung sind |
| Management | Kein dediziertes Onboarding-Team, Verantwortung unklar | Onboarding wurde nie als eigenständiger Prozess definiert |
| Messung | Churn-Rate wird erst nach 90 Tagen gemessen — zu spät | Kein Frühwarnsystem für Abwanderungssignale in den ersten 30 Tagen |
Ergebnis nach Priorisierung (Dot-Voting): Die drei Haupthypothesen sind: (1) fehlender strukturierter Onboarding-Prozess, (2) Erwartungslücke zwischen Vertrieb und Realität, (3) fehlendes Frühwarnsystem.
Nächster Schritt: Für jede Hypothese Daten erheben — z.B. Exit-Interviews mit gekündigten Kunden, Abgleich der Vertriebsversprechen mit Produktrealität, Analyse der ersten 30-Tage-Nutzungsdaten. Wer die identifizierten Ursachen anschließend in konkrete Verbesserungsmaßnahmen übersetzen will, kann die Ergebnisse mit Personas und Prototypen weiterverarbeiten.
Hinweis: Dieses Beispiel ist illustrativ konstruiert, um die Methode im Servicekontext zu demonstrieren.
5 häufige Fehler beim Ishikawa-Diagramm
1. Vage Problemdefinition
Symptom: Das Diagramm wird riesig, die Diskussion unfokussiert, nach 60 Minuten hat niemand das Gefühl, dem Problem nähergekommen zu sein.
Lösung: Investiere 10-15 Minuten in eine präzise, messbare Problemstellung, bevor du das Diagramm zeichnest. Wenn du die Problemstellung nicht in einem Satz mit einer Zahl formulieren kannst, ist sie noch nicht scharf genug.
2. An der Oberfläche bleiben
Symptom: Die Post-its beschreiben Symptome statt Ursachen. „Kunden sind unzufrieden” ist kein Post-it, das auf ein Ishikawa-Diagramm gehört.
Lösung: Für jede genannte Ursache mindestens zweimal „Warum?” fragen. Die Nebengräten (Sub-Ursachen) sind oft wertvoller als die Hauptgräten.
3. 100 Post-its, null Priorisierung
Symptom: Das Team hat enthusiastisch gebrainstormt, das Diagramm ist voll — und dann passiert nichts. Niemand weiß, welche Ursachen zuerst untersucht werden sollen.
Lösung: Plane die Priorisierung als festen Bestandteil des Workshops ein (Phase 4). Ohne Priorisierung ist das Diagramm Dekoration, kein Werkzeug.
4. Hypothesen mit Fakten verwechseln
Symptom: Das Team „bestätigt” Ursachen im Workshop durch Kopfnicken und Zustimmung, ohne einen einzigen Datenpunkt zu erheben.
Lösung: Jede priorisierte Ursache braucht einen Verifizierungsplan: Welche Daten, wer erhebt sie, bis wann. Solange keine Daten vorliegen, sind alle Ursachen Hypothesen [5][8].
5. Die falsche Methode für das Problem
Symptom: Das Problem ist hochkomplex mit vielen Wechselwirkungen (z.B. Lieferkettenprobleme mit Dutzenden Variablen). Das Ishikawa-Diagramm vereinfacht die Realität so stark, dass wichtige Zusammenhänge verloren gehen.
Lösung: Für komplexe Systeme mit Rückkopplungsschleifen eignen sich Causal Loop Diagrams oder Systemdynamik-Modelle besser. Für quantitative Ursachenketten ist die Fehlerbaumanalyse (FTA) das richtige Werkzeug [3].
Wann das Ishikawa-Diagramm NICHT funktioniert
Kein Werkzeug passt für jedes Problem. Diese Einschränkungen solltest du kennen, bevor du dein nächstes Ishikawa-Meeting einberufst:
1. Komplexe Systeme mit Wechselwirkungen: Das Ishikawa-Diagramm stellt Ursachen als unabhängige Äste dar. In der Realität interagieren Ursachen miteinander — eine Personalentscheidung beeinflusst den Prozess, der die Technologie beeinflusst, die das Personal beeinflusst. Diese Rückkopplungsschleifen kann das Diagramm nicht abbilden [3].
2. Reaktive Analyse nach einem Ereignis: Das Ishikawa-Diagramm analysiert die Ursachen vor einem Problem — was hat dazu geführt? Es erfasst nicht, was nach dem Kontrollverlust passiert ist. Für reaktive Analysen brauchst du zusätzliche Werkzeuge [10].
3. Wenn quantitative Daten bereits vorliegen: Wenn du bereits Daten hast, die auf eine Ursache hinweisen, ist ein Brainstorming-Workshop Zeitverschwendung. Nutze stattdessen statistische Werkzeuge (Streudiagramm, Regression), um die Ursache zu bestätigen [2].
4. Mangelhafte Teamexpertise: Die Qualität des Ishikawa-Diagramms hängt direkt von der Expertise der Teilnehmer ab. Ein Team ohne Domänenwissen produziert oberflächliche Ursachen [9].
Eine systematische Übersichtsarbeit mit 21 Studien zeigt: Root-Cause-Analysis-Werkzeuge (einschließlich Ishikawa) sind nützlich für die Identifikation von Ursachen, aber nicht für die Umsetzung wirksamer Präventionsmaßnahmen [4]. Der Engpass liegt nicht im Brainstorming — er liegt in der Nachverfolgung.
Wenn die Nachverfolgung stimmt, wirkt die Methode: Kumah et al. (2024) dokumentierten, wie ein Krankenhaus Nadelstichverletzungen von 11 Fällen (2018) auf 2 Fälle (2021) reduzierte — durch ein fishbone-basiertes Verbesserungsprogramm mit konsequenter Maßnahmenumsetzung [11]. Das Gegenbeispiel zeigt: Das Problem ist nicht das Ishikawa-Diagramm selbst, sondern die organisatorische Disziplin danach.
Ishikawa-Diagramm erstellen: Digitale Tools
| Tool | Vorteile | Nachteile | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| Whiteboard + Post-its | Haptisch, fördert Beteiligung, keine Lernkurve | Nicht remote-fähig, schwer zu dokumentieren | Vor-Ort-Workshops |
| Miro / Mural | Remote-fähig, einfach zu teilen und zu dokumentieren | Weniger haptisch, erfordert Lizenzen | Remote- und Hybrid-Teams |
| Excel / Google Sheets | Gut für die Priorisierungsphase, Daten direkt integrierbar | Kein visuelles Fischgrätenformat | Datengetriebene Nachbereitung |
| PowerPoint / Google Slides | Gute Präsentationsgrafiken | Umständlich beim Brainstorming | Ergebnispräsentation |
| Lucidchart / draw.io | Professionelle Diagramme, Vorlagen verfügbar | Zu komplex für schnelle Workshops | Dokumentation und Berichte |
Empfehlung: Nutze Whiteboard + Post-its für den Workshop selbst (Geschwindigkeit und Beteiligung sind wichtiger als digitale Perfektion). Übertrage das Ergebnis anschließend in Miro oder Lucidchart für die Dokumentation.
Vorlage herunterladen
Wir stellen eine kostenlose Ishikawa-Diagramm-Vorlage bereit, die du direkt in deinem nächsten Workshop einsetzen kannst. Die Vorlage enthält:
- Eine leere 7M-Struktur zum Ausfüllen
- Das Kundenservice-Beispiel als ausgefüllte Referenz
- Eine Priorisierungsmatrix für Phase 4
- Eine Checkliste für die Workshop-Vorbereitung
Häufig gestellte Fragen
Was ist die 7M-Methode?
Die 7M-Methode erweitert das klassische Ishikawa-Diagramm um die Kategorie „Management”. Die sieben Ms sind: Mensch, Maschine, Material, Methode, Mitwelt (Umwelt), Messung (Messtechnik) und Management. Die Erweiterung um Management ist besonders bei organisatorischen Problemen und im Dienstleistungskontext sinnvoll, wo Führungsentscheidungen oft eine zentrale Ursache darstellen.
Wie erstelle ich ein Ishikawa-Diagramm?
In fünf Schritten: (1) Problem als messbare Aussage formulieren und an den „Fischkopf” schreiben. (2) M-Kategorien als Hauptgräten festlegen (empfohlen: 6M oder 7M). (3) Pro Kategorie mögliche Ursachen auf Post-its sammeln und mit „Warum?”-Ketten vertiefen. (4) Ursachen priorisieren (Dot-Voting, ABC- oder X/N/C-Klassifizierung). (5) Für priorisierte Ursachen Verifizierungspläne erstellen. Rechne mit 90 Minuten für einen vollständigen Workshop.
Was ist der Unterschied zwischen 5M und 6M?
Das 5M-Modell umfasst Mensch, Maschine, Material, Methode und Mitwelt (Milieu/Umwelt). Das 6M-Modell ergänzt die Kategorie Messung (Messtechnik). Der Unterschied: 6M berücksichtigt, dass fehlerhafte Messungen oder unzureichende Datenerhebung selbst Ursachen für Probleme sein können. Nutze 6M, wenn Datenqualität oder Messprozesse eine Rolle spielen.
Welches Ziel hat das Ishikawa-Diagramm?
Das Ishikawa-Diagramm hat zwei Ziele: (1) Alle möglichen Ursachen eines Problems systematisch und vollständig zu identifizieren — über das Offensichtliche hinaus. (2) Diese Ursachen visuell zu strukturieren, damit ein Team gemeinsam priorisieren und die wahrscheinlichsten Grundursachen gezielt untersuchen kann. Es ist ein Hypothesengenerator, kein Analysewerkzeug.
Wann sollte man das Ishikawa-Diagramm NICHT verwenden?
In vier Situationen: (1) Bei hochkomplexen Systemen mit Rückkopplungsschleifen — nutze stattdessen Systemdynamik-Modelle. (2) Wenn quantitative Daten bereits vorliegen — nutze statistische Methoden. (3) Für proaktive Fehlerprävention — nutze FMEA. (4) Wenn das Team keine Domänenexpertise zum Problem hat.
Was ist der Unterschied zwischen Ishikawa und der 5-Warum-Methode?
Das Ishikawa-Diagramm arbeitet horizontal über Kategorien: Es sammelt mögliche Ursachen aus verschiedenen Bereichen (Mensch, Methode, Maschine etc.). Die 5-Warum-Methode arbeitet vertikal in die Tiefe: Sie bohrt eine einzelne Ursachenkette schrittweise nach unten. Beide Methoden ergänzen sich ideal: Nutze Ishikawa für die Breite, 5-Warum für die Tiefe.
Verwandte Methoden
- Morphologischer Kasten: Wenn du nicht Ursachen analysieren, sondern systematisch Lösungskombinationen entwickeln willst
- 5-Warum-Methode: Wenn du eine einzelne Ursachenkette in die Tiefe verfolgen willst
- PDCA-Zyklus: Wenn du nach der Ursachenanalyse einen strukturierten Verbesserungszyklus starten willst
- Kano-Modell: Wenn du nicht Probleme analysieren, sondern Kundenbedürfnisse priorisieren willst
- Gemba Walk: Wenn du vor der Ursachenanalyse den tatsächlichen Prozess vor Ort beobachten willst
Forschungsmethodik
Dieser Artikel synthetisiert Erkenntnisse aus der Originalpublikation von Kaoru Ishikawa, einer systematischen Übersichtsarbeit zur Wirksamkeit von Root-Cause-Analysis-Werkzeugen, sowie der Analyse von 8 deutschsprachigen Fachbeiträgen zum Ishikawa-Diagramm. Die Quellen wurden nach Methodenrigor, Praxisrelevanz und Aktualität ausgewählt. Alle Praxisbeispiele im Servicekontext sind illustrativ konstruiert, nicht dokumentierte Fallstudien.
Limitationen: Die akademische Literatur zur Wirksamkeit des Ishikawa-Diagramms stammt überwiegend aus dem Gesundheitswesen und der Fertigung. Empirische Studien zur Anwendung in der Dienstleistungsinnovation sind begrenzt.
Offenlegung
SI Labs bietet Beratungsleistungen im Bereich Service Innovation an und setzt das Ishikawa-Diagramm als Werkzeug in der Analysephase des Integrierten Service Entstehungs Prozess (iSEP) ein. Diese Praxiserfahrung informiert die Moderationstipps in diesem Artikel, Leser sollten sich der möglichen Perspektivenverzerrung bewusst sein.
Quellenverzeichnis
[1] Ishikawa, Kaoru. Guide to Quality Control. Tokyo: Asian Productivity Organization, 1968. [Book | Historical | Citations: >10,000 | Quality: 95/100]
[2] American Society for Quality. “Seven Basic Quality Tools.” https://asq.org/quality-resources/seven-basic-quality-tools [Industry Authority | Quality: 90/100]
[3] Qualityze. “Fishbone vs. Cause & Effect: Choosing the Right RCA Tool.” https://www.qualityze.com/blogs/cause-effect-vs-fishbone-diagram [Industry | Quality: 70/100]
[4] Martin-Delgado, J. et al. “How Much of Root Cause Analysis Translates into Improved Patient Safety: A Systematic Review.” Medical Principles and Practice (2020). DOI: 10.1159/000508677 [Systematic Review | N=21 studies | Citations: 100+ | Quality: 85/100]
[5] Juran Institute. “The Ultimate Guide to Cause and Effect Diagrams.” https://www.juran.com/blog/the-ultimate-guide-to-cause-and-effect-diagrams/ [Industry Authority | Quality: 85/100]
[6] VOREST AG. “Ishikawa-Diagramm — Ursache-Wirkungs-Diagramm.” https://www.vorest-ag.com/Qualitaetssicherung-Methoden/Wissen/Ishikawa-Diagramm [Practitioner | Quality: 75/100]
[7] Six Sigma Blackbelt. “Ishikawa-Diagramm.” https://www.sixsigmablackbelt.de/ishikawa-diagramm/ [Practitioner | Quality: 80/100]
[8] Qualitätsmanagement.me. “Ishikawa-Diagramm.” https://qualitaetsmanagement.me/kvp-einfuehren/ishikawa-diagramm/ [Practitioner | Quality: 70/100]
[9] Lean Six Sigma Definition. “Fishbone Diagram.” https://www.leansixsigmadefinition.com/glossary/fishbone-diagram/ [Industry | Quality: 70/100]
[10] Aviation Safety Blog. “Pros and Cons of Fishbone Diagrams in Aviation SMS.” https://aviationsafetyblog.asms-pro.com/blog/pros-and-cons-of-fishbone-diagrams-in-aviation-sms-programs [Industry | Quality: 65/100]
[11] Kumah, E. et al. “Needlestick injuries among healthcare workers in a Ghanaian tertiary hospital: a fishbone-based quality improvement approach.” BMC Nursing, 2024. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC11345949/ [Case Study | N=1 hospital, 4-year longitudinal | Quality: 75/100]