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Service Design

LEGO Serious Play: Methode, Ablauf und Einsatz in Service Design und Strategie

LEGO Serious Play als Innovationsmethode: Ablauf, Anwendungsfelder, Forschung und Praxisleitfaden.

von SI Labs

LEGO Serious Play (LSP) ist eine moderierte Workshop-Methode, bei der Teilnehmer dreidimensionale Modelle aus LEGO-Steinen bauen, um komplexe Fragestellungen zu explorieren, Strategien zu entwickeln und Systeme zu verstehen. Der Kernmechanismus: Teilnehmer „denken mit den Händen” — sie bauen Modelle, die abstrakte Konzepte (Identität, Strategie, Beziehungen, Systeme) greifbar und besprechbar machen. Die Methode wurde ab 1996 von Johan Roos und Bart Victor am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne in Zusammenarbeit mit der LEGO Group entwickelt und 2010 unter einer Creative-Commons-Lizenz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht [1][2].

Was LEGO Serious Play von anderen Workshop-Methoden unterscheidet: Es erzwingt eine vollständige Beteiligung aller Teilnehmer — nicht durch Moderation, sondern durch den Bauprozess selbst. In einem klassischen Workshop können stille Teilnehmer schweigen, während dominante Persönlichkeiten die Diskussion bestimmen. Bei LSP baut jeder Teilnehmer sein eigenes Modell und muss es der Gruppe erklären. Es gibt kein Verstecken hinter Schweigen oder hinter den Folien anderer.

Suchst du nach „LEGO Serious Play”, findest du viele Anbieter, die Workshops verkaufen, aber wenige, die den wissenschaftlichen Hintergrund erklären. Keines der deutschsprachigen Ergebnisse beschreibt die vier Anwendungstypen (individuelle, geteilte, Landschafts- und Systemdynamik-Modelle). Keines zeigt, wie LSP konkret in Service Design oder Strategieentwicklung eingesetzt wird. Und keines benennt ehrlich die Situationen, in denen LEGO Serious Play die falsche Methode ist.

Dieser Leitfaden schließt diese Lücken — mit dem theoretischen Fundament, dem Kernprozess, den vier Anwendungstypen, einem Strategiebeispiel und einer Analyse häufiger Fehler.

Woher die Methode kommt: Von IMD zu Open Source

Die Entstehung von LEGO Serious Play verbindet Management-Theorie, Kognitionswissenschaft und Unternehmenskrise.

1996 — Die akademische Geburt: Die Professoren Johan Roos und Bart Victor am IMD in Lausanne suchten nach Wegen, Strategieprozesse lebendiger und partizipativer zu gestalten. Inspiriert von Seymour Paperts Theorie des Konstruktionismus (dazu gleich mehr) entwickelten sie gemeinsam mit der LEGO Group eine Methode, bei der Führungskräfte Strategien nicht diskutieren, sondern bauen [1].

1999-2002 — Unternehmensphase: Die LEGO Group — selbst in einer schweren Unternehmenskrise — investierte in die Kommerzialisierung der Methode. Robert Rasmussen, damals LEGO-Mitarbeiter, wurde zum zentralen Entwickler und Evangelisten von LSP. Die Methode wurde zunächst als proprietäres Produkt mit zertifizierten Facilitatoren und speziellen LEGO-Sets vermarktet [2].

2010 — Open Source: In einem bemerkenswerten Schritt veröffentlichte die LEGO Group die Methode unter einer Creative-Commons-Lizenz (CC BY-SA). Seitdem kann jeder LEGO Serious Play einsetzen, ohne Lizenzgebühren zu zahlen. Spezielle LSP-Sets (LEGO Serious Play Starter Kit, Landscape Kit) sind weiterhin erhältlich, aber nicht zwingend erforderlich — Standard-LEGO-Steine funktionieren ebenfalls [2].

Robert Rasmussen gründete nach seinem Ausscheiden bei LEGO die Firma Rasmussen Consulting und wurde zum einflussreichsten Trainer und Methodenentwickler. Sein Buch LEGO Serious Play: Open-Source Introduction to the Methodology (2013, aktualisiert 2019) ist die meistgenutzte praktische Referenz [3].

Theoretische Grundlage: Konstruktionismus — Denken mit den Händen

Die kognitionswissenschaftliche Basis von LSP ist Seymour Paperts Konstruktionismus (1991) — eine Weiterentwicklung von Jean Piagets Konstruktivismus [4]. Paperts zentrale These: Menschen lernen am tiefsten, wenn sie aktiv etwas Greifbares konstruieren — ein physisches Artefakt, das ihr Denken externalisiert.

Warum das funktioniert: Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass die Hand-Hirn-Verbindung eine der stärksten neuronalen Bahnen ist. Wenn Menschen mit den Händen bauen, aktivieren sie Gehirnbereiche, die beim reinen Reden oder Schreiben inaktiv bleiben. Das Bauen erzeugt eine Art „Wissenszufall” — Ideen und Verbindungen, die im Gespräch nie aufgetaucht wären, werden durch den physischen Bauprozess sichtbar [5].

Die 80/20-Umkehr: In einem typischen Workshop sprechen 20 % der Teilnehmer 80 % der Zeit. Bei LEGO Serious Play baut jeder Teilnehmer und präsentiert sein Modell — die Beteiligungsquote liegt systematisch bei 100 %. Das ist kein Nebeneffekt, sondern der Kernmechanismus der Methode [1][3].

Der Kernprozess: Challenge → Build → Share → Reflect

Jede LSP-Sitzung folgt einem vierstufigen Kernprozess, der mehrfach durchlaufen wird [3]:

1. Challenge (Aufgabe stellen)

Der Facilitator stellt eine Baufrage — keine Diskussionsfrage. Die Frage beginnt immer mit „Baue…” und zielt auf etwas Abstraktes, das durch das Modell greifbar wird.

Diskussionsfrage (nicht LSP)Baufrage (LSP)
„Was sind unsere Stärken?”„Baue ein Modell, das zeigt, was dich als Führungskraft einzigartig macht.”
„Wie sollte unser Service aussehen?”„Baue das ideale Kundenerlebnis in unserem Service.”
„Was sind unsere größten Risiken?”„Baue ein Modell der Kräfte, die unser Geschäft bedrohen.”

2. Build (Bauen)

Jeder Teilnehmer baut individuell — in Stille, ohne Diskussion. Die Bauzeit beträgt typischerweise 3-10 Minuten, je nach Komplexität der Frage. Der Facilitator sagt: „Lasst die Hände beginnen — die Bedeutung kommt beim Bauen.”

Wichtig: Es geht nicht um ästhetisch schöne Modelle. Es geht um Modelle, die eine Bedeutung tragen. Ein roter Stein kann „Leidenschaft” bedeuten, ein hoher Turm „Ambition”, eine Brücke „Verbindung zwischen Abteilungen”. Die Bedeutung wird vom Bauenden zugewiesen, nicht vom Modell vorgegeben.

3. Share (Teilen)

Jeder Teilnehmer erklärt sein Modell der Gruppe — nicht sich selbst, sondern das Modell. Die Gruppe stellt Fragen an das Modell, nicht an die Person: „Was bedeutet dieser rote Stein?” statt „Warum findest du das wichtig?”

Der Unterschied zum Storytelling: Beim Teilen zeigt der Teilnehmer auf physische Elemente des Modells. Das verankert die Diskussion im Konkreten und verhindert, dass Gespräche ins Abstrakte abdriften.

4. Reflect (Reflektieren)

Die Gruppe reflektiert über die Modelle: Welche Muster tauchen auf? Welche Unterschiede? Welche Überraschungen? Der Facilitator lenkt die Aufmerksamkeit auf Verbindungen zwischen Modellen und auf Erkenntnisse, die an keinem einzelnen Tisch entstanden wären.

Die 4 Anwendungstypen

LSP ist nicht eine Methode — es sind vier verschiedene Anwendungen mit steigender Komplexität [3]:

Typ 1: Individuelle Modelle

Jeder Teilnehmer baut ein eigenes Modell zu einer Frage (z. B. „Baue deine ideale Führungsrolle”). Geeignet für: Identitätsarbeit, Werte-Exploration, Onboarding.

Dauer: 30-60 Minuten Komplexität: Niedrig

Typ 2: Geteilte Modelle (Shared Models)

Die Gruppe baut gemeinsam ein Modell, das eine kollektive Antwort darstellt (z. B. „Baue gemeinsam das ideale Kundenerlebnis”). Individuelle Modelle werden zu einem geteilten Modell zusammengeführt. Geeignet für: Teamidentität, gemeinsame Vision, Leitbild.

Dauer: 60-120 Minuten Komplexität: Mittel

Typ 3: Landschaftsmodelle (Landscape)

Die Gruppe baut eine physische Landkarte ihres Systems — Kunden, Wettbewerber, Partner, interne Akteure — und positioniert ihre Modelle in räumlicher Beziehung zueinander. Die räumliche Anordnung macht Nähe, Distanz, Abhängigkeiten und Konflikte sichtbar.

Dauer: 2-4 Stunden Komplexität: Hoch

Typ 4: Systemdynamik (System Dynamics)

Die Gruppe modelliert Verbindungen, Abhängigkeiten und Rückkopplungsschleifen zwischen den Elementen der Landschaft. „Was passiert mit unserem Modell, wenn Wettbewerber X einen neuen Service launcht?” Das System wird physisch verändert, und die Gruppe beobachtet die Auswirkungen.

Dauer: 4-8 Stunden (oft über 2 Tage) Komplexität: Sehr hoch

Anwendungstyp-Entscheidungshilfe

FragestellungAnwendungstypTypische Dauer
Individuelle Perspektiven sammelnTyp 1 (Individuell)30-60 Min
Gemeinsame Vision oder IdentitätTyp 2 (Geteilt)60-120 Min
Stakeholder-Landschaft verstehenTyp 3 (Landschaft)2-4 Std
Strategische Szenarien durchspielenTyp 4 (Systemdynamik)4-8 Std

LEGO Serious Play im Service Design

LSP entfaltet im Service Design besondere Kraft, weil Services abstrakt sind. Du kannst einen Service nicht anfassen, nicht fotografieren, nicht ins Regal stellen. LSP macht das Abstrakte greifbar — und damit besprechbar [6].

Service-Ökosystem modellieren (Typ 3)

In der Discover-Phase eines Service-Design-Projekts kann ein LSP-Workshop die Stakeholder-Landschaft sichtbar machen: Wer sind die Akteure? Welche Beziehungen bestehen? Wo sind Brüche, Konflikte, ungenutzte Verbindungen?

Servicekonzepte prototypen (Typ 2)

Statt Servicekonzepte als PowerPoint-Slides zu präsentieren, bauen Teams dreidimensionale Modelle ihrer Servicekonzepte. Das erzwingt Konkretheit: „Was bedeutet dieser Stein? Was passiert an dieser Stelle für den Kunden?” — Fragen, die eine Folie nie provoziert.

Strategische Szenarien durchspielen (Typ 4)

In der Define-Phase können Teams mit LSP verschiedene Serviceszenarien physisch simulieren: „Was passiert mit unserem Service-Ökosystem, wenn der Regulierer neue Anforderungen einführt?” Das Team verschiebt Steine, entfernt Verbindungen, fügt neue hinzu — und beobachtet, was passiert.

Praxisbeispiel: Strategieworkshop bei einem Versicherer

Kontext: Ein großer DACH-Versicherer steht vor der Frage, wie seine Schadenbearbeitung in 5 Jahren aussehen soll. Digitalisierung, veränderte Kundenerwartungen und neue Wettbewerber (InsurTechs) erfordern eine strategische Neuausrichtung. Die Geschäftsleitung hat unterschiedliche Vorstellungen — der CTO denkt in Technologie, der COO in Prozessen, die Vertriebsleiterin in Kundennähe. Ein klassischer Strategieworkshop mit PowerPoint würde in Positionskämpfe münden.

Format: LEGO Serious Play, ganztägig (7 Stunden), 12 Teilnehmer (Geschäftsleitung + Bereichsleiter), externer LSP-Facilitator.

Ablauf:

Warm-up — Skills Building (45 Min): Die Teilnehmer bauen einfache Modelle, um den Prozess kennenzulernen. Erste Übung: „Baue einen Turm.” Zweite Übung: „Baue etwas, das beschreibt, was du heute Morgen erlebt hast.” Dritte Übung: „Baue ein Modell, das zeigt, was guter Kundenservice für dich bedeutet.” Jedes Mal: Bauen → Teilen → Reflektieren.

Runde 1 — Individuelle Identität (60 Min, Typ 1): „Baue ein Modell, das zeigt, was deinen Bereich einzigartig wertvoll für unsere Kunden macht.”

12 individuelle Modelle entstehen. Die CTO baut eine Brücke zwischen zwei Inseln — „Wir verbinden alte und neue Systeme, damit der Kunde nahtlos wechseln kann.” Der COO baut ein Uhrwerk — „Unsere Stärke ist Verlässlichkeit und Präzision.” Die Vertriebsleiterin baut eine Figur mit ausgestreckten Armen — „Wir sind die Ersten, die der Kunde nach einem Schaden sieht.”

Runde 2 — Geteiltes Modell (90 Min, Typ 2): „Baut gemeinsam das ideale Kundenerlebnis der Schadenbearbeitung in 5 Jahren.”

Die Teilnehmer verhandeln physisch: Welche Elemente gehören ins Zentrum? Was wird verbunden? Was steht am Rand? Das geteilte Modell zeigt: Der Kunde steht im Zentrum, umgeben von einem „Schutzschild” aus proaktivem Service (der Schaden wird erkannt, bevor der Kunde anruft), flankiert von menschlichen Ansprechpartnern für komplexe Fälle und digitalen Self-Service-Kanälen für einfache Fälle.

Runde 3 — Landschaft und Systemdynamik (120 Min, Typ 3+4): „Baut die Landschaft eures Service-Ökosystems: Kunden, Wettbewerber, Partner, Regulierer. Dann: Was passiert, wenn ein InsurTech in den Markt eintritt?”

Die Gruppe baut das Ökosystem. Dann wird ein InsurTech-Modell platziert. Die Teilnehmer verschieben Verbindungen: „Der Kunde dreht sich zum InsurTech, wenn wir keinen proaktiven Service bieten.” Eine neue Verbindung entsteht: „Wir könnten mit dem InsurTech kooperieren statt konkurrieren — Partnerschaften statt Verteidigung.”

Ergebnis: Drei strategische Entscheidungen, die ohne LSP nicht entstanden wären: (1) Investition in proaktive Schadenerkennung (IoT, Sensorik) statt nur reaktive Bearbeitung. (2) Hybrid-Modell: digitaler Self-Service für Standardfälle, menschlicher Ansprechpartner für komplexe Fälle. (3) Offene Partnerschaftsstrategie mit InsurTechs statt Abschottung.

Hinweis: Dieses Beispiel ist illustrativ konstruiert, um die Methode im Strategiekontext zu demonstrieren.

Vergleich: LEGO Serious Play vs. andere Workshop-Methoden

DimensionLEGO Serious PlayDesign SprintWorld CaféKlassischer Strategieworkshop
Fokus3D-Modellierung abstrakter KonzeptePrototyp-Entwicklung + NutzervalidierungGroßgruppen-Dialog + VernetzungAnalyse + Entscheidung
Teilnehmer6-24 (ideal: 8-16)5-720-200+5-20
Dauer4-8 Stunden (1-2 Tage)5 Tage2-3 Stunden4-8 Stunden
Beteiligung100 % (jeder baut und präsentiert)Hoch (kleine Gruppe)Hoch (Tischgespräche)20-30 % aktiv, Rest passiv
MaterialLEGO-Steine (LSP-Sets oder Standard)Prototyping-Material, SoftwarePapiertischdecken, MarkerFlipcharts, Beamer, Post-its
ErgebnisGeteiltes Verständnis, Strategie, SystemmodellGetesteter PrototypKollektive Erkenntnisse, HandlungsfelderEntscheidungen, Maßnahmenpläne
StärkeMacht Abstraktes greifbar, 100 % BeteiligungKonkretes, testbares ErgebnisSkaliert auf große GruppenDirekt entscheidungsorientiert
SchwächeErfordert LSP-Facilitator, skeptische TeilnehmerNicht für GroßgruppenErgebnisse bleiben oft auf ErkenntnisebeneDominanz weniger Stimmen

Unsere Empfehlung: Nutze LSP, wenn du abstrakte Themen (Strategie, Identität, Systemverständnis) greifbar machen willst und 100 % Beteiligung brauchst. Nutze einen Design Sprint, wenn du am Ende einen testbaren Prototypen brauchst. Nutze ein World Café, wenn du mehr als 20 Stakeholder einbeziehen musst.

Forschungslage

Die akademische Forschung zu LEGO Serious Play wächst, ist aber noch begrenzt:

Hadida (2013): Allison Hadida zeigte in einer Studie an der Cambridge Judge Business School, dass LSP-Workshops zu höherer Partizipation und tieferen strategischen Einsichten führen als konventionelle Workshop-Formate — insbesondere bei Teilnehmern, die in traditionellen Formaten wenig sprechen [7].

Zenk et al. (2021): Eine Studie am Austrian Institute of Technology dokumentierte, dass LSP-Workshops die kreative Selbstwirksamkeit der Teilnehmer signifikant steigerten und zu unerwarteten Verbindungen zwischen Ideen führten, die in diskursiven Formaten nicht entstanden [8].

Kristiansen und Rasmussen (2014): Per Kristiansen und Robert Rasmussen veröffentlichten Building a Better Business Using the LEGO Serious Play Method, das umfangreichste Praxis-Handbuch mit dokumentierten Fallstudien aus Unternehmen wie Daimler, NASA und Roche [5].

Einschränkung: Die meisten Studien sind qualitativ und haben kleine Stichproben. Kontrollierte experimentelle Vergleiche mit alternativen Workshop-Methoden fehlen weitgehend.

5 häufige Fehler bei LEGO Serious Play

1. LSP als Spielerei behandeln — ohne ernste Baufragen

Symptom: Teilnehmer bauen fröhlich, aber die Modelle haben keine Tiefe. Die Diskussion bleibt oberflächlich. Am Ende sagt jemand: „Netter Nachmittag, aber was bringt uns das?”

Warum das schadet: LSP ist kein Teambuilding-Event. Es ist eine methodische Intervention für komplexe Fragestellungen. Ohne ernste, anspruchsvolle Baufragen erzeugt es nette Modelle, aber keine strategischen Erkenntnisse.

Lösung: Formuliere Baufragen, die echte strategische Relevanz haben. „Baue das größte Risiko für unser Geschäftsmodell” erzeugt tiefere Modelle als „Baue etwas, das dich beschreibt.”

2. Die Reflexionsphase überspringen

Symptom: Teilnehmer bauen und teilen, aber die Gruppenreflexion fällt aus. Jeder Teilnehmer hat seine individuelle Erkenntnis, aber die kollektiven Muster bleiben unsichtbar.

Warum das schadet: Die Stärke von LSP liegt nicht im individuellen Bauen, sondern in der kollektiven Mustererkennung. Ohne Reflexion bleibt jedes Modell eine Insel.

Lösung: Plane für die Reflect-Phase mindestens 30 % der Gesamtzeit ein. Der Facilitator lenkt die Aufmerksamkeit auf Verbindungen: „Drei von euch haben Brücken gebaut — was sagt das über unsere Organisation?“

3. Kein ausgebildeter Facilitator

Symptom: Ein Projektleiter „moderiert” den LSP-Workshop, kennt aber nur die Grundlagen. Die Baufragen sind zu einfach, die Übergänge zwischen den Typen fehlen, die Systemdynamik-Phase wird übersprungen.

Warum das schadet: LSP ist methodisch anspruchsvoller als es aussieht. Die Progression von Typ 1 zu Typ 4 erfordert Erfahrung in der Gesprächsführung, in der Fragenformulierung und im Umgang mit Widerständen.

Lösung: Für Typ 1 und 2 reicht ein Facilitator mit LSP-Grundausbildung. Für Typ 3 und 4 (Landschaft, Systemdynamik) empfehlen wir einen erfahrenen, zertifizierten LSP-Facilitator.

4. Skeptiker ignorieren statt einbinden

Symptom: Ein oder zwei Teilnehmer verweigern sich: „Ich baue doch nicht mit LEGO, ich bin Vorstand.” Die Gruppe baut ohne sie, die Skeptiker sitzen daneben und checken E-Mails.

Warum das schadet: LSP funktioniert nur, wenn alle bauen. Ein nicht-bauender Teilnehmer untergräbt die Gleichberechtigung des Formats und sendet das Signal: „Das hier ist nicht ernst.”

Lösung: Das Skills Building (Warm-up) ist der entscheidende Moment. Beginne mit einfachen, nicht-bedrohlichen Bauaufgaben, die auch Skeptiker zum Mitmachen bringen. Wenn ein Vorstand einen Turm baut und feststellt, dass das Ergebnis interessant ist, baut er auch das strategische Modell. Die meisten Widerstände lösen sich nach 10 Minuten Bauen auf.

5. Ergebnisse nicht übersetzen

Symptom: Am Ende des Workshops stehen beeindruckende LEGO-Modelle auf dem Tisch. Fotos werden gemacht. Drei Wochen später erinnert sich niemand, was der rote Stein bedeutet hat.

Warum das schadet: LEGO-Modelle sind flüchtig — sie werden abgebaut, die Bedeutung verblasst. Ohne Übersetzung in Dokumente, Entscheidungen oder Projektpläne verpufft die Erkenntnisenergie des Workshops.

Lösung: Dokumentiere jedes Modell mit Foto und Beschreibung noch im Workshop. Übersetze die Erkenntnisse in konkrete nächste Schritte. Erstelle ein Workshop-Protokoll mit Fotos, Modellerklärungen und abgeleiteten Maßnahmen.

Wann LEGO Serious Play NICHT funktioniert

1. Wenn konkrete operative Entscheidungen gebraucht werden: LSP erzeugt Verständnis, nicht Entscheidungen. Wenn du am Ende des Tages eine Budget-Allokation oder eine Go/No-Go-Entscheidung brauchst, ist ein strukturierter Entscheidungsworkshop effektiver.

2. Bei mehr als 24 Teilnehmern: LSP skaliert schlecht. Die Share-Phase (jeder präsentiert sein Modell) dauert bei 24 Teilnehmern bereits 90+ Minuten. Bei 40 Teilnehmern wird sie zur Qual. Für Großgruppen sind World Café oder Open Space besser geeignet.

3. Bei extrem zeitkritischen Themen: Ein LSP-Workshop braucht mindestens 4 Stunden für Typ 1+2, idealerweise einen ganzen Tag. Wenn du in 90 Minuten ein Ergebnis brauchst, ist das Format zu aufwändig.

4. Wenn die Organisationskultur „Spielen” nicht erlaubt: In Organisationen mit sehr hohem Formalitätsgrad kann die Assoziation mit LEGO (Kinderspielzeug) die Methode diskreditieren, bevor sie wirken kann. Ein guter Facilitator kann diesen Widerstand oft überwinden — aber nicht immer.

5. Ohne Follow-up: Wie bei jeder Workshop-Methode: Ohne Übersetzung der Erkenntnisse in Handlungen ist LSP eine teure Teambuilding-Übung.

Häufig gestellte Fragen

Was ist LEGO Serious Play?

LEGO Serious Play (LSP) ist eine moderierte Workshop-Methode, bei der Teilnehmer dreidimensionale Modelle aus LEGO-Steinen bauen, um komplexe Fragestellungen zu explorieren. Der Kernprozess — Challenge, Build, Share, Reflect — wird mehrfach durchlaufen. Die Methode basiert auf Seymour Paperts Konstruktionismus („Denken mit den Händen”) und wurde 1996 am IMD Lausanne entwickelt [1].

Braucht man spezielle LEGO-Sets?

Nein. Seit 2010 steht die Methode unter Creative-Commons-Lizenz und kann mit beliebigen LEGO-Steinen durchgeführt werden. Die speziellen LSP-Sets (Starter Kit, Landscape Kit) enthalten eine optimierte Auswahl an Steinen, Rädern, Figuren und Verbindungselementen — sie sind hilfreich, aber nicht zwingend [2].

Wie lange dauert ein LEGO Serious Play Workshop?

Mindestens 4 Stunden für Typ 1+2 (individuelle + geteilte Modelle). Ein Strategieworkshop mit Landschaftsmodellen (Typ 3) dauert 6-8 Stunden. Systemdynamik-Workshops (Typ 4) erstrecken sich typischerweise über 1,5-2 Tage. Das Warm-up (Skills Building) benötigt 30-45 Minuten und ist bei jedem Workshop Pflicht.

Funktioniert LEGO Serious Play online?

Eingeschränkt. Es gibt digitale Adaptionen (z. B. mit virtuellen LEGO-Bausteinen oder physischem Bauen vor der Kamera), aber die haptische Dimension — das „Denken mit den Händen” — geht dabei teilweise verloren. Für Typ 1 (individuelle Modelle) funktioniert es akzeptabel, für Typ 3+4 (Landschaft, Systemdynamik) ist die physische Präsenz methodisch notwendig.

Ist LEGO Serious Play wissenschaftlich fundiert?

Die theoretische Basis (Konstruktionismus, Hand-Hirn-Verbindung) ist neurowissenschaftlich gut belegt. Die empirische Evidenz zur Wirksamkeit der Methode selbst wächst, ist aber noch begrenzt. Studien von Hadida (2013) und Zenk et al. (2021) zeigen positive Effekte auf Partizipation und kreative Ergebnisse [7][8]. Kontrollierte experimentelle Vergleiche fehlen jedoch weitgehend.

Verwandte Methoden


Forschungsmethodik

Dieser Artikel synthetisiert Erkenntnisse aus den Originalarbeiten von Roos und Victor (1999), Rasmussens Praxis-Handbuch (2019), Paperts Konstruktionismus-Theorie, den empirischen Studien von Hadida (2013) und Zenk et al. (2021) sowie der Analyse von 8 deutschsprachigen Fachbeiträgen zu LEGO Serious Play. Die Quellen wurden nach Methodenrigor, Praxisrelevanz und Aktualität ausgewählt.

Limitationen: Die empirische Forschung zu LSP ist überwiegend qualitativ und basiert auf kleinen Stichproben. Kontrollierte Vergleichsstudien mit alternativen Workshop-Methoden fehlen. Die meisten dokumentierten Anwendungen stammen aus dem Unternehmenskontext — Evidenz zur Wirksamkeit in der Dienstleistungsinnovation ist besonders begrenzt. Das Praxisbeispiel ist illustrativ konstruiert.

Offenlegung

SI Labs bietet Beratungsleistungen im Bereich Service Innovation an. LEGO Serious Play ist kein Standardbestandteil des Integrierten Service Entstehungs Prozess (iSEP), kann aber als Workshop-Format in der Discover- und Define-Phase eingesetzt werden, wenn Stakeholder-Alignment und Systemverständnis im Fokus stehen. Diese Einordnung informiert die Darstellung in diesem Artikel. Leser sollten sich der möglichen Perspektivenverzerrung bewusst sein.

Quellenverzeichnis

[1] Roos, Johan, und Bart Victor. “Towards a New Model of Strategy-Making as Serious Play.” European Management Journal 17, Nr. 4 (1999): 348-355. DOI: 10.1016/S0263-2373(99)00015-8 [Grundlagenwerk | Originalpaper | Zitationen: 400+ | Qualität: 85/100]

[2] LEGO Group. “Open-source: Introduction to LEGO Serious Play.” Creative Commons BY-SA, 2010. https://www.lego.com/en-us/seriousplay [Primärquelle | Open-Source-Lizenz | Qualität: 80/100]

[3] Rasmussen, Robert. LEGO Serious Play: Open-Source Introduction to the Methodology. 2019. [Practitioner Guide | Methodenentwickler | Qualität: 78/100]

[4] Papert, Seymour. “Situating Constructionism.” In Constructionism, herausgegeben von I. Harel und S. Papert, 1-11. Norwood, NJ: Ablex, 1991. [Grundlagenwerk | Kognitionswissenschaft | Zitationen: 5.000+ | Qualität: 90/100]

[5] Kristiansen, Per, und Robert Rasmussen. Building a Better Business Using the LEGO Serious Play Method. Hoboken: Wiley, 2014. ISBN: 978-1118832455 [Practitioner Guide | Fallstudien | Zitationen: 300+ | Qualität: 75/100]

[6] Schulz, Klaus-Peter, Silke Geithner, Christian Woelfel, und Jens Krzywinski. “Toolkit-Based Modelling and Serious Play as Means to Foster Creativity in Innovation Processes.” Creativity and Innovation Management 24, Nr. 2 (2015): 323-340. DOI: 10.1111/caim.12113 [Journal Article | Kreativitätsforschung | Zitationen: 150+ | Qualität: 78/100]

[7] Hadida, Allison L. “Let Your Hands Do the Thinking! Lego Bricks, Strategic Thinking and Ideas Generation.” Strategic Direction 29, Nr. 2 (2013): 3-5. DOI: 10.1108/02580541311297757 [Case Study | Cambridge Judge Business School | Qualität: 72/100]

[8] Zenk, Lukas, et al. “Designing Innovation: A LEGO Serious Play Approach for Facilitating Creative Innovation Workshops.” European Journal of Innovation Management 25, Nr. 6 (2021): 300-320. DOI: 10.1108/EJIM-07-2021-0360 [Empirische Studie | Austrian Institute of Technology | Qualität: 76/100]

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