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SelbstorganisationDomain-Konflikte in Holacracy: Wenn sich Zuständigkeiten überschneiden
Was passiert, wenn Domains überlappen? Symptome erkennen, Governance-Lösungen finden, und Konflikte präventiv vermeiden.
Domains in Holacracy schaffen Klarheit – bis sie es nicht mehr tun. Wenn zwei Rollen auf dieselbe Ressource Anspruch erheben oder unklar ist, wer über was entscheiden darf, entsteht ein Domain-Konflikt. Diese Konflikte sind normal und lösbar, wenn man die Mechanismen versteht.
Bei SI Labs haben wir Domain-Konflikte erlebt, die produktive Diskussionen ausgelöst haben – und solche, die Teams blockiert haben. Für einen vollständigen Überblick siehe unseren Holacracy-Leitfaden. Dieser Artikel erklärt beide Szenarien.
Was ist ein Domain-Konflikt?
Ein Domain-Konflikt entsteht, wenn die exklusive Kontrolle über eine Ressource oder Entscheidung unklar ist.
Die Anatomie eines Konflikts
Domains geben Rollen exklusive Kontrolle über etwas. Ohne explizite Erlaubnis darf niemand anders diese Domain betreten.
Ein Konflikt entsteht, wenn:
- Zwei Rollen meinen, dieselbe Domain zu haben
- Unklar ist, ob eine Domain eine bestimmte Ressource einschließt
- Eine Domain zu breit definiert ist und andere behindert
Beispiel
Rolle A hat die Domain „Kundenkommunikation”. Rolle B hat die Domain „Social Media”.
Ein Kunde fragt etwas auf LinkedIn. Wer antwortet? Ist das Kundenkommunikation oder Social Media?
Research Insight: Unklare Domainabgrenzungen sind eine häufige Ursache für Konflikte in selbstorganisierten Teams. Die Lösung liegt nicht in detaillierteren Definitionen, sondern in klaren Eskalationsmechanismen. [1]
Erkennen: Symptome von Überlappung
Domain-Konflikte zeigen sich auf verschiedene Weisen.
Direkte Symptome
Streit über Zuständigkeit: „Das ist meine Entscheidung!” – „Nein, meine!”
Doppelarbeit: Zwei Rollen machen dieselbe Arbeit, weil beide sich zuständig fühlen.
Blockade: Niemand handelt, weil niemand sicher ist, ob er darf.
Indirekte Symptome
Spannungen ohne Proposals: Jemand beschwert sich über eine andere Rolle, bringt aber keine Governance-Änderung ein.
Politische Manöver: Menschen versuchen, Konflikte informell zu lösen, statt den Governance-Prozess zu nutzen.
Vermeidung: Bestimmte Bereiche werden gemieden, weil der Konflikt unangenehm ist.
Früherkennung
Fragen für ein Struktur-Review:
- Gibt es Bereiche, wo unklar ist, wer entscheidet?
- Gibt es Domains, die zu breit sind?
- Beschwert sich jemand regelmäßig über „Einmischung”?
Der Governance-Weg zur Lösung
Domain-Konflikte werden durch Governance gelöst, nicht durch Diskussion oder Hierarchie.
Der Prozess
Schritt 1: Spannung artikulieren
Wer den Konflikt spürt, bringt ihn als Spannung ein. „Als [Rolle X] erlebe ich Unklarheit darüber, ob ich [Entscheidung Y] treffen darf.”
Schritt 2: Proposal entwickeln
Die Person mit der Spannung entwickelt einen Proposal, der den Konflikt löst:
- Domain klarstellen
- Domain aufteilen
- Domain an eine Rolle geben
- Policy erstellen
Schritt 3: Governance verarbeitet
Im Governance-Meeting wird der Proposal durch den IDM-Prozess verarbeitet. Einwände werden integriert.
Schritt 4: Neue Klarheit
Nach dem Beschluss gilt die neue Struktur. Die alte Unklarheit ist (hoffentlich) beseitigt.
Typische Lösungen
| Konfliktyp | Typische Lösung |
|---|---|
| Zwei Rollen beanspruchen dieselbe Domain | Domain einer Rolle zuweisen, andere erhält Accountability oder Policy |
| Domain ist zu breit | Domain präzisieren oder aufteilen |
| Domain schließt unbeabsichtigt etwas ein | Domain neu formulieren, Ausnahme definieren |
| Domain fehlt ganz | Neue Domain erstellen und zuweisen |
Domain-Hierarchie klären
Manchmal ist die Frage: Welche Domain hat Vorrang?
Das Prinzip
In Holacracy vererben sich Domains von Kreisen auf Sub-Kreise – aber nicht automatisch auf einzelne Rollen.
Beispiel:
- Der Anchor Circle hat die Domain „Alle Verträge über 50.000€”
- Diese Domain gilt für die gesamte Organisation
- Ein Sub-Kreis kann keine Policy erlassen, die diese Domain verletzt
Sub-Domain vs. Teil-Domain
Sub-Domain: Ein Teil der größeren Domain, der einer spezifischen Rolle zugewiesen wird.
Beispiel: Kreis hat Domain „Website”. Rolle A bekommt Sub-Domain „Blog-Sektion der Website”.
Teil-Domain: Unklar definierte Überschneidung.
Beispiel: Rolle A hat „Website”, Rolle B hat „Marketing-Materialien”. Der Website-Footer mit Marketing-Botschaften – wessen Domain?
Hierarchie explizit machen
Wenn Domain-Hierarchien unklar sind, hilft es, sie explizit zu machen:
„Rolle A hat Domain X. Rolle B hat Sub-Domain Y innerhalb von X.”
Oder: „Domain X von Rolle A schließt explizit [Bereich] aus.”
Policies als Konflikt-Prävention
Policies können Domain-Konflikte entschärfen, bevor sie entstehen.
Zugangs-Policies
Statt jedem den Zugang zu einer Domain zu verwehren, kann eine Policy den Zugang regeln:
„Jeder mit Accountability für Kundenkontakt darf die Kundendatenbank für Leseoperationen nutzen. Schreiboperationen erfordern Abstimmung mit [Rolle].”
Eskalations-Policies
Für vorhersehbare Konflikte:
„Bei Unklarheit über Zuständigkeit für Kundenkommunikation entscheidet [Rolle X], welche Rolle antwortet.”
Koordinations-Policies
Für regelmäßige Berührungspunkte:
„Bevor eine Kampagne gestartet wird, die Kundenkontakte einschließt, stimmen sich [Rolle A] und [Rolle B] ab.”
Wann Domains zusammenlegen
Manchmal ist die beste Lösung, zwei überlappende Domains zu einer zu machen.
Indikatoren für Zusammenlegung
- Die Rollen haben fast identische Domains
- Die Koordination zwischen den Domains kostet mehr als sie bringt
- Die Domains sind historisch gewachsen, aber nicht logisch getrennt
Der Prozess
- Beide Domains identifizieren
- Gemeinsame Domain definieren
- Entscheiden, welche Rolle sie erhält (oder neue Rolle erstellen)
- Governance durchführen
Risiken
- Eine Rolle wird zu mächtig
- Wichtige Unterschiede gehen verloren
- Die Person, die die Domain „verliert”, fühlt sich degradiert
Domain-Konflikte bei SI Labs
Unsere Erfahrungen:
Was wir gelernt haben
Früh ansprechen. Ungelöste Domain-Konflikte werden nicht besser. Je früher sie in Governance kommen, desto einfacher.
Nicht persönlich nehmen. Domain-Konflikte sind strukturelle Probleme, keine persönlichen Angriffe.
Policies können helfen. Manchmal ist die Lösung nicht „wessen Domain”, sondern „wie koordinieren wir”.
Typische Herausforderungen
- Menschen verwechseln Domain-Konflikte mit persönlichen Konflikten
- Die Versuchung, Konflikte informell zu lösen statt durch Governance
- Angst, den Konflikt anzusprechen, weil er „politisch” erscheint
Forschungsmethodik
Dieser Artikel basiert auf der Holacracy-Verfassung, Forschung zu Koordination in selbstorganisierten Systemen und über zehn Jahre Erfahrung mit Domain-Strukturen bei SI Labs.
Quellenauswahl:
- Holacracy-Verfassung und offizielle Materialien
- Studien zu Ressourcenkonflikten in Organisationen
- Praktiker-Erfahrungen aus dem Holacracy-Netzwerk
Einschränkungen: Domain-Konflikte sind kontextabhängig. Was bei uns funktioniert, funktioniert nicht überall.
Offenlegung
SI Labs GmbH praktiziert Holacracy seit über zehn Jahren. Wir haben zahlreiche Domain-Konflikte erlebt und gelöst.
Quellen
[1] Bernstein, Ethan, et al. “Beyond the Holacracy Hype: The Overwrought Claims and Actual Promise of the Next Generation of Self-Managed Teams.” Harvard Business Review 94, no. 7/8 (2016): 38-49. [HBR Praxisartikel | Multiple Fallstudien | Zitationen: 312 | Qualität: 72/100]
[2] Robertson, Brian J. “Holacracy.” In The Management Shift, edited by Vlatka Hlupic, 145-168. Chichester: Wiley, 2012. DOI: 10.1002/9781119197683.ch9 [Buchkapitel | N/A | Zitationen: N/A | Qualität: 60/100]