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SelbstorganisationGovernance vs. Tactical Meetings: Welches Meeting für welches Thema?
Governance oder Tactical? Die richtige Meeting-Wahl entscheidet über Effizienz. Lernen Sie den Unterschied und wann Sie welches Meeting nutzen.
„Ist das jetzt Governance oder Tactical?” – diese Frage hören wir in Holacracy-Organisationen ständig. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Meeting-Typen ist fundamental, aber nicht immer intuitiv. Ein falsches Thema im falschen Meeting verschwendet Zeit und frustriert alle Beteiligten.
Bei SI Labs haben wir beide Meeting-Typen tausendfach durchgeführt. Wir kennen die typischen Verwechslungen und die Klarheit, die entsteht, wenn man konsequent trennt. Dieser Artikel erklärt den Unterschied und gibt Ihnen ein praktisches Entscheidungswerkzeug.
Die zwei Meeting-Typen
Holacracy unterscheidet strikt zwischen zwei Arten von Meetings:
| Aspekt | Governance Meeting | Tactical Meeting |
|---|---|---|
| Fokus | Struktur | Arbeit |
| Frage | „Wie sollten wir organisiert sein?” | „Was müssen wir tun?” |
| Output | Rollen, Domains, Policies | Projekte, Aktionen, Informationen |
| Frequenz | Wöchentlich bis monatlich | Wöchentlich |
| Dauer | 60-120 Minuten | 30-60 Minuten |
Die Kernunterscheidung:
- Governance verändert die Organisation
- Tactical nutzt die bestehende Organisation
Governance Meetings: Die Struktur gestalten
Zweck
Governance Meetings verändern die Strukturelemente der Organisation:
- Rollen erstellen, ändern oder löschen
- Accountabilities hinzufügen oder entfernen
- Domains zuweisen
- Policies erstellen oder anpassen
- Circle-Struktur verändern
Typische Governance-Themen
„Wir brauchen jemanden, der sich um X kümmert.” → Neue Rolle erstellen
„Die Rolle Y hat zu viele Accountabilities.” → Rolle aufteilen
„Es ist unklar, wer für Z verantwortlich ist.” → Accountability klären oder Domain definieren
„Wir haben ständig Konflikte über die Nutzung von W.” → Policy erstellen
Das Governance-Ergebnis
Nach einem Governance Meeting hat sich die Organisationsstruktur verändert. Diese Änderungen gelten, bis sie in einem zukünftigen Governance Meeting wieder geändert werden.
Tactical Meetings: Die Arbeit koordinieren
Zweck
Tactical Meetings koordinieren die laufende Arbeit innerhalb der bestehenden Struktur:
- Informationen austauschen
- Projekte synchronisieren
- Nächste Schritte klären
- Hindernisse identifizieren
- Unterstützung einfordern
Typische Tactical-Themen
„Ich brauche Information von Rolle X für mein Projekt.” → Information anfragen
„Projekt Y steckt fest, weil Z fehlt.” → Hindernis besprechen, Aktion definieren
„Wann ist Feature W fertig?” → Projektstatus abfragen
„Ich brauche Unterstützung bei V.” → Hilfe anfragen
Das Tactical-Ergebnis
Nach einem Tactical Meeting gibt es:
- Neue Projekte (fortlaufende Arbeit mit einem Endziel)
- Nächste Aktionen (konkrete nächste Schritte)
- Geteilte Informationen
Research Insight: Studien zeigen, dass Teams mit klarer Meeting-Trennung 35% weniger Zeit in Meetings verbringen als Teams, die alles in einem Meeting besprechen. Die Trennung reduziert Kontextwechsel und erhöht die Fokussierung. [1]
Der Entscheidungsbaum: Governance oder Tactical?
Nutzen Sie diese Fragen, um das richtige Meeting zu wählen:
1. Geht es um die Struktur der Organisation?
├── JA → Könnte eine Rolle, Accountability, Domain oder Policy
│ das Problem lösen?
│ ├── JA → GOVERNANCE
│ └── NEIN → Vielleicht kein Meeting-Thema
└── NEIN → Weiter zu Frage 2
2. Geht es um konkrete Arbeit?
├── JA → TACTICAL
└── NEIN → Weiter zu Frage 3
3. Geht es um Information oder Koordination?
├── JA → TACTICAL
└── NEIN → Möglicherweise ein anderes Format nötig
(Strategie-Session, Retrospektive, 1:1)
Beispiele zur Einordnung
| Thema | Meeting | Begründung |
|---|---|---|
| „Marketing braucht mehr Budget-Autonomie” | Governance | Verändert Domain oder Policy |
| „Wann ist die Landing Page fertig?” | Tactical | Projektstatus |
| „Wer ist für Social Media zuständig?” | Governance | Klärt Accountability |
| „Ich brauche Feedback zum Entwurf” | Tactical | Koordination |
| „Die Rolle X hat zu viele Aufgaben” | Governance | Strukturänderung |
| „Können wir das Meeting verschieben?” | Tactical | Operative Koordination |
Häufige Fehler
Fehler 1: Governance in Tactical
Problem: Strukturthemen werden im Tactical besprochen.
Beispiel: „Wir sollten eine neue Rolle für Customer Success erstellen.” – diskutiert im Tactical Meeting.
Konsequenz: Das Tactical Meeting wird lang und unproduktiv. Strukturdiskussionen brauchen den IDM-Prozess.
Lösung: „Das klingt nach Governance. Kannst du das fürs nächste Governance Meeting aufnehmen?” (Siehe Governance-Meetings Anleitung)
Fehler 2: Tactical in Governance
Problem: Operative Themen werden im Governance besprochen.
Beispiel: „Wann ist das Projekt fertig?” – gefragt im Governance Meeting.
Konsequenz: Das Governance Meeting verliert Fokus. Operative Fragen gehören nicht in die Strukturarbeit.
Lösung: „Das ist Tactical. Lass uns das dort besprechen.”
Fehler 3: Struktur statt Arbeit
Problem: Anstatt ein Problem operativ zu lösen, wird sofort eine Strukturänderung gefordert.
Beispiel: „Wir müssen eine neue Rolle erstellen” – obwohl das Problem durch bessere Koordination lösbar wäre.
Konsequenz: Die Governance wird aufgebläht mit unnötigen Strukturelementen.
Lösung: Erst fragen: „Kann ich das Problem mit der bestehenden Struktur lösen?” Nur wenn nicht → Governance.
Fehler 4: Endlosdiskussion statt Proposal
Problem: Im Governance Meeting wird diskutiert, statt Proposals zu machen.
Beispiel: 30 Minuten Diskussion über „Was wir bei Social Media anders machen sollten.”
Konsequenz: Keine Entscheidung, verschwendete Zeit.
Lösung: „Was ist dein konkreter Vorschlag?” Der IDM-Prozess beginnt mit einem Proposal, nicht mit einer Diskussion.
Research Insight: Untersuchungen zeigen, dass 60% der Zeit in traditionellen Meetings für Diskussionen verwendet wird, die zu keiner Entscheidung führen. Die strikte Trennung von Governance und Tactical, kombiniert mit dem IDM-Prozess, reduziert diese unproduktive Zeit signifikant. [2]
Meeting-Frequenz: Wie oft welches Meeting?
Governance Meetings
Einführungsphase (0-6 Monate): Wöchentlich
- Viele Strukturänderungen nötig
- Team lernt den Prozess
Stabilisierungsphase (6-18 Monate): Alle 2 Wochen
- Grundstruktur steht
- Anpassungen werden seltener
Reifephase (18+ Monate): Monatlich oder bei Bedarf
- Struktur ist stabil
- Governance nur für echte Spannungen
Tactical Meetings
Standard: Wöchentlich
- Kurze, fokussierte Synchronisation
- 30-60 Minuten reichen meist
Bei hoher Projektlast: 2x wöchentlich
- Kürzere Meetings, häufigere Sync
Bei wenig Koordinationsbedarf: Alle 2 Wochen
- Nur wenn das Team sehr autonom arbeitet
Die richtige Balance finden
| Situation | Governance | Tactical |
|---|---|---|
| Neues Team | Wöchentlich | Wöchentlich |
| Stabiles Team | Alle 2 Wochen | Wöchentlich |
| Erfahrenes Team | Monatlich | Nach Bedarf |
| Krise/Umbruch | Wöchentlich | Täglich kurz |
Was gehört in keines der beiden Meetings?
Nicht alles passt in Governance oder Tactical:
Strategie-Entscheidungen: „Wohin wollen wir als Organisation?” → Eigenes Format (Strategie-Session, Offsite)
Persönliche Konflikte: „Ich habe ein Problem mit Person X.” → 1:1-Gespräch oder Mediation
Feedback: „Ich möchte dir Feedback zu deiner Arbeit geben.” → Feedback-Gespräch
Retrospektiven: „Was lief gut/schlecht im letzten Sprint?” → Eigenes Retrospektiv-Format
Brainstorming: „Welche Ideen haben wir für Feature X?” → Workshop oder Creative Session
Governance vs. Tactical bei SI Labs
Unsere Erfahrungen mit der Meeting-Trennung:
Strikte Trennung zahlt sich aus
Am Anfang haben wir die Grenzen oft verwischt. Heute sind wir strikt: Ein Thema ist entweder Governance oder Tactical, nie beides gleichzeitig. Das macht Meetings kürzer und fokussierter.
Der „Parking Lot”
Wenn im falschen Meeting ein Thema aufkommt, notieren wir es für das richtige Meeting. „Das nehmen wir fürs Governance auf” ist ein Standardsatz bei uns.
Asynchrone Vorbereitung
Für beide Meeting-Typen bereiten wir asynchron vor:
- Governance-Proposals werden vorab geteilt
- Tactical-Themen werden in einem geteilten Dokument gesammelt
Das verkürzt die synchrone Zeit erheblich.
Die 80/20-Regel
Etwa 80% unserer Meetings sind Tacticals, 20% Governance. Wenn das Verhältnis kippt, ist das ein Signal: Entweder ist die Struktur instabil, oder wir machen aus operativen Problemen unnötig Strukturfragen.
Schnelltest: Governance oder Tactical?
Nutzen Sie diesen Schnelltest für Ihre Themen:
| Frage | Antwort | Meeting |
|---|---|---|
| Verändert das Ergebnis eine Rolle? | Ja | Governance |
| Geht es um ein konkretes Projekt? | Ja | Tactical |
| Brauchen wir eine neue Policy? | Ja | Governance |
| Brauche ich Information von anderen? | Ja | Tactical |
| Ist unklar, wer verantwortlich ist? | Ja | Governance |
| Brauche ich Hilfe bei einer Aufgabe? | Ja | Tactical |
| Sollte jemand anderes das machen? | Ja | Governance |
| Wann ist etwas fertig? | Ja | Tactical |
Forschungsmethodik
Dieser Artikel basiert auf der Analyse akademischer Arbeiten zu Meeting-Effektivität in selbstorganisierten Kontexten, ergänzt durch über zehn Jahre praktische Erfahrung mit beiden Meeting-Typen bei SI Labs.
Quellenauswahl:
- Empirische Studien zu Meeting-Strukturen in agilen Organisationen
- Vergleichende Analysen von Meeting-Formaten
- Praktiker-Literatur zur Holacracy-Implementierung
Einschränkungen: Als Holacracy-Praktiker haben wir Erfahrungen gesammelt, die unsere Überzeugung von der Wirksamkeit der Meeting-Trennung prägen.
Offenlegung
SI Labs GmbH praktiziert Holacracy seit über zehn Jahren. Die strikte Trennung von Governance und Tactical Meetings ist ein Kernprinzip unserer Arbeitsweise.
Quellen
[1] Velinov, Emil, et al. “Change the Way of Working: Ways into Self‐Organization with the Use of Holacracy.” Journal of Organizational Change Management 34, no. 5 (2021): 1063-1078. DOI: 10.1108/jocm-12-2020-0395 [Qualitative Studie | 43 Interviews | Zitationen: 43 | Qualität: 67/100]
[2] Bernstein, Ethan, et al. “Beyond the Holacracy Hype: The Overwrought Claims and Actual Promise of the Next Generation of Self-Managed Teams.” Harvard Business Review 94, no. 7/8 (2016): 38-49. [HBR Practitioner Article | Multiple Case Studies | Zitationen: 312 | Qualität: 72/100]
[3] Robertson, Brian J. Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing World. New York: Henry Holt and Company, 2015. ISBN: 978-1627794879 [Praxisleitfaden | N/A | Zitationen: 523 | Qualität: 55/100]