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SelbstorganisationCheck-in Runden in Holacracy: Zweck und Variationen
Die Check-in Runde schafft Präsenz und psychologische Sicherheit. Lernen Sie, wie Sie Check-ins effektiv gestalten und welche Varianten es gibt.
Zwei Minuten, die Meetings verändern. Die Check-in Runde ist das erste Element jedes Holacracy-Meetings – und oft das am meisten unterschätzte. Teams, die den Check-in überspringen, opfern Fokus und Verbindung für scheinbare Zeitersparnis.
Bei SI Labs starten wir jedes Meeting mit einem Check-in. Nicht weil es Vorschrift ist, sondern weil wir gelernt haben: Die zwei Minuten am Anfang sparen zehn Minuten später.
Der Zweck des Check-ins
Der Check-in erfüllt drei Funktionen:
1. Präsenz schaffen
Menschen kommen aus verschiedenen Kontexten ins Meeting:
- Gerade aus einem stressigen Telefonat
- Mit den Gedanken noch bei der letzten Aufgabe
- Abgelenkt durch private Themen
Der Check-in signalisiert: „Jetzt sind wir hier.” Er markiert den Übergang vom vorherigen Kontext in den Meeting-Raum.
2. Psychologische Sicherheit aufbauen
Research Insight: Googles Project Aristotle identifizierte psychologische Sicherheit als den wichtigsten Faktor für Team-Performance. Teams, die sich sicher fühlen, ihre Gedanken zu teilen, sind 40% produktiver. Der Check-in ist ein ritualisierter Moment dieser Sicherheit. [1]
Durch das Teilen von etwas Persönlichem – wenn auch kurz – entsteht Verbindung. Die Botschaft: „Wir sind Menschen, nicht nur Rollen.”
3. Ablenkungen externalisieren
Was nicht ausgesprochen wird, bleibt als Hintergrundgeräusch im Kopf. Der Check-in erlaubt:
- „Ich bin heute erschöpft”
- „Ich habe privat Stress”
- „Ich bin gedanklich noch bei Projekt X”
Einmal ausgesprochen, können diese Dinge „parken”. Sie müssen nicht gelöst werden – nur anerkannt.
Der Standard-Check-in
Ablauf
- Der Facilitator eröffnet die Runde
- Jede Person teilt kurz (1-2 Sätze)
- Keine Kommentare, keine Reaktionen, keine Diskussion
- Der Facilitator schließt die Runde
Was geteilt wird
- Aktueller Zustand: „Ich bin konzentriert und bereit”
- Ablenkungen: „Ich bin mit den Gedanken noch beim Kundengespräch”
- Energie-Level: „Lange Nacht, wenig Schlaf”
- Kurze persönliche Updates (optional): „Mein Kind ist krank, daher etwas abgelenkt”
Was NICHT geteilt wird
- Arbeitsberichte: „Ich habe gestern den Report fertig gemacht”
- Vorab-Agenda: „Ich will später über Projekt X sprechen”
- Lange Geschichten: Der Check-in ist keine Therapiesitzung
- Feedback an andere: „Ich freue mich, Peter zu sehen”
Die Regel: Kein Kommentar
Das wichtigste Element: Niemand reagiert auf Check-ins.
Warum?
- Verhindert, dass Menschen „performen” statt teilen
- Hält die Zeit kurz
- Schafft Gleichheit (jeder Check-in wird gleich behandelt)
- Vermeidet ungewollte Diskussionen
Beispiel für eine Verletzung:
- Person A: „Ich bin erschöpft.”
- Person B: „Oh, was ist los?”
Das öffnet eine Konversation, die den Check-in sprengt. Stattdessen: Stille, nächste Person.
Check-in Variationen
Der Standard-Check-in funktioniert gut. Für Abwechslung gibt es Alternativen:
Variation 1: Die Wetter-Metapher
Frage: „Wie ist dein inneres Wetter heute?”
Beispiele:
- „Sonnig, aber mit Wolken am Horizont”
- „Gewitter gerade vorbei, jetzt aufklarend”
- „Neblig, noch nicht ganz wach”
Vorteil: Macht es leichter, über Emotionen zu sprechen, ohne direkt zu werden.
Variation 2: Ein-Wort-Check-in
Frage: „In einem Wort: Wie bist du da?”
Beispiele:
- „Fokussiert”
- „Müde”
- „Gespannt”
Vorteil: Extrem schnell, gut für große Gruppen oder häufige Meetings.
Variation 3: Die Skalenfrage
Frage: „Auf einer Skala von 1-10: Wie präsent bist du?”
Beispiele:
- „7 – ganz gut, aber noch nicht ganz angekommen”
- „5 – halb hier, halb bei der Inbox”
- „9 – voll da”
Vorteil: Quantifizierbar, gut für Teams, die Zahlen mögen.
Variation 4: Die Highlight-Frage
Frage: „Was war dein Highlight seit unserem letzten Meeting?”
Beispiele:
- „Ein erfolgreicher Kundenworkshop”
- „Meine Tochter hat Fahrrad fahren gelernt”
- „Endlich das Buch fertig gelesen”
Vorteil: Positiver Fokus, baut Verbindung auf.
Achtung: Kann zu langen Geschichten führen. Der Facilitator muss kürzen.
Variation 5: Die Intention
Frage: „Was ist deine Intention für dieses Meeting?”
Beispiele:
- „Klarheit über Projekt X bekommen”
- „Meine Spannungen verarbeiten”
- „Fokussiert zuhören”
Vorteil: Richtet die Aufmerksamkeit aus, macht explizit, was Menschen wollen.
Check-in für Remote-Meetings
Bei Remote-Meetings ist der Check-in noch wichtiger:
Herausforderungen
- Keine physische Präsenz, die Ankommen signalisiert
- Ablenkungen zu Hause sind unsichtbar
- Verbindung ist schwieriger herzustellen
Anpassungen
Video an: Der Check-in funktioniert besser, wenn Menschen sich sehen. Es geht um Verbindung, nicht nur um Worte.
Reihenfolge festlegen: Ohne physische Hinweise ist unklar, wer dran ist. Der Facilitator benennt die Reihenfolge.
Kürzere Varianten: In Remote-Settings kann die Ein-Wort-Variante effektiver sein als ausführliche Check-ins.
Stille aushalten: In Video-Calls fühlt sich Stille unangenehm an. Trotzdem: Kein Kommentieren der Check-ins.
Der Check-out
Das Gegenstück zum Check-in ist der Check-out am Ende des Meetings.
Zweck
- Meeting bewusst abschließen
- Reflexion ermöglichen
- Übergang zum nächsten Kontext markieren
Ablauf
- Facilitator fragt nach abschließenden Reflexionen
- Jede Person kann (muss nicht) etwas teilen
- Keine Diskussion
- Facilitator schließt das Meeting
Was geteilt wird
- „Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis”
- „Mir ist noch X unklar – ich bringe das nächstes Mal als Spannung”
- „Ich bin fertig”
- „Das war produktiv”
Kürzer als der Check-in
Der Check-out kann deutlich kürzer sein:
- Nicht jeder muss etwas sagen
- „Ich bin fertig” reicht
- 30-60 Sekunden für die ganze Runde
Häufige Fehler
Fehler 1: Check-in überspringen
Argument: „Wir haben wenig Zeit.”
Problem: Das Meeting startet unverbunden. Menschen sind nicht präsent. Spätere Diskussionen dauern länger.
Lösung: Ein kurzer Check-in (Ein-Wort oder Skala) ist besser als keiner.
Fehler 2: Check-in wird zur Therapiesitzung
Symptom: Eine Person erzählt 5 Minuten über ihr Wochenende.
Problem: Andere verlieren Interesse. Die Meeting-Zeit wird aufgefressen.
Lösung: Der Facilitator setzt ein Zeitlimit und unterbricht freundlich: „Danke, lass uns weitergehen.”
Fehler 3: Check-ins kommentieren
Symptom: „Oh, das tut mir leid zu hören!”
Problem: Öffnet Konversationen, verzerrt zukünftige Check-ins (Menschen teilen weniger).
Lösung: Der Facilitator erinnert: „Wir kommentieren Check-ins nicht. Danke fürs Teilen. Nächste Person.”
Fehler 4: Check-in als Status-Update
Symptom: „Ich habe am Projekt X gearbeitet und werde heute Y machen.”
Problem: Verfehlt den Zweck (Präsenz, nicht Information).
Lösung: Der Facilitator klärt: „Im Check-in teilen wir, wie wir da sind – nicht, woran wir arbeiten.”
Check-in bei SI Labs
Unsere Erfahrungen:
Was wir gelernt haben
1. Der Check-in ist nicht verhandelbar Auch bei Zeitdruck starten wir mit Check-in. Die zwei Minuten sind gut investiert.
2. Variation hält es frisch Wir wechseln die Fragen regelmäßig. Das verhindert Routine-Antworten.
3. Der Facilitator setzt den Ton Wenn der Facilitator einen authentischen Check-in macht, folgen andere.
4. Für neue Team-Mitglieder erklären Der Check-in ist nicht intuitiv. Wir erklären neuen Kollegen, was wir tun und warum.
Forschungserkenntnis: Über ein halbes Jahrhundert Teamforschung zeigt: Teamwork geschieht nicht von allein. Hackman et al. (2023) betonen in ihrer Policy-Analyse: „Designing jobs and organizational workflows in ways that prioritize and support teamwork” ist entscheidend – und dazu gehören ritualisierte Meeting-Elemente wie der Check-in. [4]
Unsere Lieblingsfragen
- „In einem Wort: Wie bist du da?”
- „Was ist heute bei dir präsent?”
- „Was müsstest du parken, um voll hier zu sein?”
- „Wofür bist du heute dankbar?”
Fazit: Zwei Minuten, die zählen
Der Check-in ist kein Ritual um des Rituals willen. Er erfüllt konkrete Funktionen:
- Präsenz: Menschen kommen an
- Sicherheit: Es ist okay, nicht perfekt zu sein
- Verbindung: Wir sind Menschen, nicht nur Rollen
Teams, die den Check-in konsequent praktizieren, berichten von besserer Meeting-Qualität. Nicht weil der Check-in magisch ist – sondern weil er die Bedingungen schafft, unter denen gute Meetings möglich sind.
Forschungsmethodik
Dieser Artikel basiert auf Forschung zu Team-Dynamiken und psychologischer Sicherheit, ergänzt durch praktische Erfahrung mit Check-in-Formaten bei SI Labs.
Quellenauswahl:
- Forschung zu psychologischer Sicherheit (Edmondson, Google Project Aristotle)
- Teamforschung und Policy-Empfehlungen (Hackman et al.)
- Literatur zu Meeting-Eröffnungen und Ritualen
- Holacracy-Praxisliteratur
Einschränkungen:
- Wenig isolierte Forschung zum Check-in-Format
- Effekte sind schwer zu quantifizieren
Offenlegung
SI Labs GmbH nutzt Check-in-Runden seit über zehn Jahren in allen unseren Meetings.
Quellen
[1] Edmondson, Amy C. “Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams.” Administrative Science Quarterly 44, no. 2 (1999): 350-383. DOI: 10.2307/2666999 [Empirische Studie | 51 Teams | Zitationen: 8,400+ | Qualität: 92/100]
[2] Duhigg, Charles. “What Google Learned From Its Quest to Build the Perfect Team.” The New York Times Magazine, February 25, 2016. [Journalistischer Artikel | Project Aristotle Coverage | Qualität: 65/100]
[3] Robertson, Brian J. Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing World. New York: Henry Holt and Company, 2015. ISBN: 978-1627794879 [Praxisleitfaden | N/A | Zitationen: 523 | Qualität: 55/100]
[4] Hackman, J. Richard, et al. “Teamwork Doesn’t Just Happen: Policy Recommendations from Over Half a Century of Team Research.” Behavioral Science & Policy 9, no. 1 (2023): 19-35. DOI: 10.1177/23794607231192734 [Policy-Analyse | Meta-Review | Zitationen: 9 | Qualität: 85/100]