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SelbstorganisationMeeting-Rollen in Holacracy: Facilitator und Sekretär
Facilitator und Sekretär sind die tragenden Rollen jedes Holacracy-Meetings. Lernen Sie ihre Aufgaben, Grenzen und Best Practices.
Zwei Rollen, ein Meeting. Jedes Holacracy-Meeting wird von zwei Rollen getragen: dem Facilitator und dem Sekretär. Ihre Zusammenarbeit bestimmt, ob ein Meeting produktiv oder chaotisch verläuft.
Bei SI Labs haben wir gelernt: Gute Meeting-Rollen machen 80% des Meeting-Erfolgs aus. Schlechte Facilitation führt zu langen, frustrierenden Meetings – unabhängig vom Inhalt.
Die zwei Meeting-Rollen im Überblick
| Aspekt | Facilitator | Sekretär |
|---|---|---|
| Fokus | Prozess | Dokumentation |
| Kernfrage | „Wie läuft das Meeting?” | „Was wurde entschieden?” |
| Während Meeting | Leitet, unterbricht, schützt | Notiert, liest vor, aktualisiert |
| Nach Meeting | Fertig | Veröffentlicht Outputs |
Der Facilitator
Kernverantwortung
Der Facilitator schützt den Meeting-Prozess. Nicht den Inhalt – nur den Prozess.
Was das bedeutet:
- Den definierten Ablauf durchsetzen
- Diskussionen unterbrechen, wenn sie abschweifen
- Alle Stimmen einbeziehen
- Die Zeit im Blick behalten
- Den Agenda-Eigentümer schützen
Research Insight: Studien zur Meeting-Effektivität zeigen, dass ein dedizierter Facilitator die Produktivität um 34% steigert. Der größte Effekt kommt vom konsequenten Unterbrechen von Off-Topic-Diskussionen. [1]
Im Tactical Meeting
Check-in leiten:
- Runde eröffnen und schließen
- Kommentare unterbinden
- Tempo halten
Checklisten und Metriken:
- Sekretär liest vor, Facilitator hält Fokus
- Keine Diskussionen, nur Status
Projekt-Updates:
- Ein-Satz-Updates durchsetzen
- Detailfragen zur Triage verschieben
Triage führen:
- „Was brauchst du?” fragen
- Output identifizieren helfen
- Diskussionen stoppen
- Governance erkennen und umleiten
Check-out leiten:
- Kurze Reflexionen ermöglichen
- Meeting schließen
Im Governance Meeting
Der Facilitator im Governance Meeting hat zusätzliche Aufgaben:
IDM-Prozess führen:
- Proposal präsentieren lassen
- Klärende Fragen moderieren
- Reaktionsrunde leiten
- Einwände integrieren
Validität prüfen:
- Echte Einwände von Bedenken unterscheiden
- Test-Fragen stellen
- Integration facilitieren
Was der Facilitator NICHT tut
Nicht inhaltlich beitragen: Der Facilitator hat keine Meinung zum Thema – zumindest nicht während der Facilitation.
Nicht Entscheidungen treffen: Die Gruppe entscheidet. Der Facilitator führt durch den Prozess.
Nicht Themen priorisieren: Die Agenda wird in der Reihenfolge abgearbeitet, wie sie erstellt wurde.
Nicht Lösungen vorschlagen: „Hast du schon X versucht?” ist nicht Facilitation – es ist Einmischung.
Facilitator-Interventionen
Die wichtigsten Sätze eines Facilitators:
| Situation | Intervention |
|---|---|
| Diskussion entsteht | „Wir sind in einer Diskussion. Was brauchst du konkret?” |
| Zu viele Details | „Danke, was ist der nächste Schritt?” |
| Governance im Tactical | „Das klingt nach Struktur. Willst du es für Governance notieren?” |
| Jemand übernimmt | „Das ist [Name]s Spannung. Lass ihn entscheiden.” |
| Zeit läuft ab | „Wir haben noch 2 Minuten. Können wir einen Output finden?” |
| Keine klaren Outputs | „Das ist kein Output. Wer macht was als nächstes?” |
Facilitator-Qualitäten
Prozessbesessen, inhaltsagnostisch: Der Facilitator kümmert sich um WIE, nicht um WAS.
Freundlich, aber bestimmt: Unterbrechen ist notwendig – aber nie unhöflich.
Neutral: Keine Favoriten, keine Bewertungen.
Aufmerksam: Erkennt früh, wenn etwas entgleist.
Der Sekretär
Kernverantwortung
Der Sekretär hält die Meeting-Outputs fest. Nicht das Gespräch – nur die Outputs.
Was das bedeutet:
- Projekte und Aktionen notieren
- Governance-Änderungen dokumentieren
- Checklisten und Metriken führen
- Records aktuell halten
Im Tactical Meeting
Checklisten und Metriken vorlesen:
- Jedes Item vorlesen
- Status notieren (Check/No Check)
Agenda bauen:
- Spannungs-Platzhalter sammeln
- Liste führen
Outputs erfassen:
- Projekte hinzufügen
- Aktionen dokumentieren
- Requests festhalten
Im Governance Meeting
Proposals dokumentieren:
- Vorgeschlagene Änderungen festhalten
- Integrationen aktualisieren
- Finale Version dokumentieren
Records aktualisieren:
- Neue Rollen anlegen
- Accountabilities ändern
- Policies hinzufügen
Was der Sekretär NICHT tut
Nicht Protokoll führen: Kein „Meeting-Protokoll” im klassischen Sinne. Nur Outputs.
Nicht Diskussionen zusammenfassen: Was diskutiert wurde, ist irrelevant. Nur das Ergebnis zählt.
Nicht interpretieren: Wörtlich notieren, was entschieden wurde.
Sekretär-Werkzeuge
| Tool | Zweck |
|---|---|
| GlassFrog/Holaspirit | Governance-Records, Projekte |
| Asana/Notion | Projekte, Aktionen |
| Shared Doc | Live-Dokumentation |
Die Zusammenarbeit
Facilitator und Sekretär arbeiten zusammen:
Vor dem Meeting
Sekretär:
- Checklisten und Metriken vorbereiten
- Projekt-Liste aktuell halten
Facilitator:
- Ablauf im Kopf haben
- Mögliche schwierige Themen antizipieren
Während des Meetings
Übergaben:
- Sekretär liest vor (Checklisten, Metriken, Projekte)
- Facilitator übernimmt für Triage
- Sekretär notiert im Hintergrund
Synchronisation:
- Facilitator fragt: „Hast du das?”
- Sekretär bestätigt: „Notiert.”
Nach dem Meeting
Sekretär:
- Outputs veröffentlichen
- Records aktualisieren
Facilitator:
- Fertig (kein Follow-up nötig)
Rollenrotation
Bei SI Labs rotieren wir beide Rollen:
Warum Rotation?
- Kompetenzverteilung: Alle lernen, zu facilitieren
- Vermeidung von Ermüdung: Dieselbe Person facilitiert nicht immer
- Bessere Meetings: Wer facilitiert hat, ist ein besserer Teilnehmer
Wie wir rotieren
Option 1: Feste Rotation
- Liste der Team-Mitglieder
- Jede Woche der Nächste
- Automatisch, kein Aufwand
Option 2: Freiwillige
- Zu Beginn fragen: „Wer facilitiert heute?”
- Flexibel, aber braucht jemanden, der sich meldet
Option 3: Hybrid
- Feste Rotation als Standard
- Tauschen bei Bedarf erlaubt
Training für neue Facilitators
- Beobachten: 2-3 Meetings nur zuschauen
- Co-Facilitation: Mit erfahrenem Facilitator zusammen
- Solo mit Backup: Alleine, aber jemand kann einspringen
- Solo: Volle Verantwortung
Häufige Fehler
Fehler 1: Facilitator hat Meinungen
Problem: Der Facilitator mischt sich inhaltlich ein.
Symptom: „Ich denke, wir sollten…” während der Facilitation.
Lösung: Wenn der Facilitator inhaltlich beitragen will, muss er das explizit machen: „Ich lege kurz die Facilitator-Rolle ab, um als Teilnehmer zu sprechen.” Dann wieder aufnehmen.
Fehler 2: Sekretär fasst zusammen
Problem: Der Sekretär schreibt, was er verstanden hat – nicht was gesagt wurde.
Symptom: „Also, ich habe notiert, dass…” (mit Interpretation).
Lösung: Wörtlich notieren. Bei Unklarheit nachfragen: „Was genau ist die Aktion?”
Fehler 3: Facilitator zu passiv
Problem: Diskussionen werden nicht unterbrochen.
Symptom: Meeting dauert 90 Minuten statt 45.
Lösung: Üben, zu unterbrechen. Es fühlt sich unhöflich an, ist aber notwendig.
Fehler 4: Keine klare Übergabe
Problem: Unklar, wer gerade führt.
Symptom: Facilitator und Sekretär sprechen gleichzeitig.
Lösung: Klare Übergaben: „Sekretär, lies bitte die Checkliste vor.” → „Facilitator, zurück zu dir.”
Besondere Situationen
Der Facilitator als Teilnehmer
Der Facilitator kann Spannungen haben wie alle anderen.
Wie handhaben:
- Die eigene Spannung normal in die Agenda bringen
- Bei der Verarbeitung: Die Facilitator-Rolle kurz „parken”
- „Ich spreche jetzt als Teilnehmer, nicht als Facilitator.”
- Andere können helfen, auf den Prozess zu achten
- Danach wieder in die Facilitator-Rolle
Konflikte zwischen Facilitator und Teilnehmer
Manchmal ist ein Teilnehmer unzufrieden mit der Facilitation.
Wie handhaben:
- Nicht während des Meetings diskutieren
- Feedback nach dem Meeting geben
- Bei echten Prozessverletzungen: Einwand im Governance
- Die Facilitator-Rolle selbst ist in Governance definiert
Virtuelle Meetings
Bei Remote-Meetings:
Für den Facilitator:
- Klare Redereihenfolge festlegen
- Stummschaltung durchsetzen
- Mehr verbale Steuerung nötig (keine Körpersprache)
Für den Sekretär:
- Screen-Sharing für Live-Dokumentation
- Bestätigung, dass Output erfasst ist
Fazit: Rollen machen Meetings
Die Meeting-Rollen in Holacracy sind nicht optional. Sie sind die Struktur, die produktive Meetings ermöglicht.
Facilitator: Schützt den Prozess, unterbricht Diskussionen, findet Outputs.
Sekretär: Dokumentiert Ergebnisse, keine Diskussionen.
Zusammen schaffen sie die Bedingungen, unter denen Teams schnell von Spannungen zu Outputs kommen.
Forschungsmethodik
Dieser Artikel basiert auf Forschung zu Meeting-Facilitation und Dokumentation, ergänzt durch praktische Erfahrung mit den Meeting-Rollen bei SI Labs.
Quellenauswahl:
- Studien zu Meeting-Effektivität und Facilitation
- Holacracy-Literatur zu den konstitutionellen Rollen
- Praktiker-Berichte
Einschränkungen:
- Wenig isolierte Forschung zu diesen spezifischen Rollen
- Viele Erkenntnisse aus unserer Praxis
Offenlegung
SI Labs GmbH praktiziert Holacracy seit über zehn Jahren. Wir rotieren die Meeting-Rollen und haben die beschriebenen Praktiken entwickelt.
Quellen
[1] Allen, Joseph A., Nale Lehmann-Willenbrock, and Steven G. Rogelberg. “The Cambridge Handbook of Meeting Science.” Cambridge University Press, 2015. DOI: 10.1017/CBO9781107589735 [Handbook | Meta-Analysis | Zitationen: 248 | Qualität: 85/100]
[2] Robertson, Brian J. Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing World. New York: Henry Holt and Company, 2015. ISBN: 978-1627794879 [Praxisleitfaden | N/A | Zitationen: 523 | Qualität: 55/100]
[3] HolacracyOne. “Holacracy Constitution v5.0.” https://www.holacracy.org/constitution [Primärquelle | Verfassung | Qualität: 60/100]