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Selbstorganisation

Cross Links in Holacracy: Kreise verbinden, die zusammenarbeiten müssen

Cross Links verbinden Kreise, die regelmäßig koordinieren müssen. Wann sie sinnvoll sind und wann man sie besser vermeidet.

Cross Links lösen ein Problem, das in jeder Organisation ab mittlerer Größe auftritt: Zwei Kreise müssen regelmäßig zusammenarbeiten, aber keiner ist dem anderen über- oder untergeordnet. Der normale Weg über den gemeinsamen Super-Kreis ist zu langsam oder zu umständlich.

Bei SI Labs haben wir Cross Links anfangs zu häufig eingesetzt – bis wir merkten, dass sie auch zur Überkoordination führen können. Dieser Artikel erklärt, wann Cross Links sinnvoll sind und wann man sie besser vermeidet.

Ein Cross Link ist eine strukturelle Verbindung zwischen zwei Kreisen, die nicht in einer hierarchischen Beziehung stehen. Anders als der Lead Link, der von oben nach unten verbindet, und der Rep Link, der von unten nach oben verbindet, verbindet der Cross Link horizontal.

Kernfunktion: Der Cross Link trägt relevante Informationen und Spannungen zwischen zwei Kreisen, die regelmäßig koordinieren müssen.

Ein Beispiel

Der Kreis „Produktentwicklung” und der Kreis „Kundensupport” arbeiten in verschiedenen Hierarchie-Zweigen. Beide berichten an den Anchor Circle, aber über unterschiedliche Wege.

Problem: Wenn Support ein Produktproblem entdeckt, muss diese Information zur Entwicklung. Ohne Cross Link müsste die Spannung den langen Weg nehmen: Support → Rep Link → Anchor Circle → Lead Link → Entwicklung.

Lösung: Ein Cross Link verbindet Support und Entwicklung direkt. Die Information fließt ohne Umweg.

┌─────────────────────────────────────────┐
│            Anchor Circle                │
├─────────────────┬───────────────────────┤
│                 │                       │
│    Marketing    │       Operations      │
│                 │                       │
│  ┌───────────┐  │  ┌─────────────────┐  │
│  │  Support  │←────→│ Produktentwickl.│  │
│  └───────────┘  │  └─────────────────┘  │
│    Cross Link verbindet horizontal      │
└─────────────────────────────────────────┘

Research Insight: Horizontale Verbindungen in Organisationen sind oft informell – Kolleg:innen sprechen miteinander, ohne dass dies strukturell abgebildet ist. Der Cross Link macht diese notwendige Koordination explizit und accountable. [1]

Cross Links sind nicht für jede Zusammenarbeit gedacht. Sie sind ein strukturelles Werkzeug für spezifische Situationen.

1. Wiederkehrende Abhängigkeit

Zwei Kreise brauchen regelmäßig Informationen voneinander – nicht einmalig, sondern als Muster.

Beispiel: Sales braucht immer wieder technische Einschätzungen von Engineering für Kundenangebote.

2. Zeitkritische Koordination

Der normale Weg über den Super-Kreis ist zu langsam für die Realität.

Beispiel: Marketing muss schnell auf Produktänderungen reagieren, kann nicht auf das nächste Super-Kreis-Meeting warten.

3. Kein klares Über-/Unterordnungsverhältnis

Keiner der Kreise sollte dem anderen weisungsgebunden sein. Im Gegensatz zu Super- und Sub-Kreisen ist die Beziehung horizontal. Die Arbeit steht zur Arbeit.

Beispiel: Customer Success und Product Development sind gleichwertige Partner.

1. Einmalige Projekte

Für zeitlich begrenzte Zusammenarbeit sind Projekte oder temporäre Rollen besser geeignet als permanente strukturelle Verbindungen.

2. Informelle Kommunikation reicht

Wenn zwei Menschen ohnehin regelmäßig sprechen und die Koordination funktioniert, braucht es keine formale Struktur.

3. Der normale Weg funktioniert

Wenn die Spannungen auch über Rep Link → Super-Kreis → Lead Link gut fließen, ist der Cross Link überflüssig.

Cross Links werden wie alle strukturellen Änderungen durch den Governance-Prozess erstellt.

Der Proposal

Ein Cross Link wird in der Governance des Kreises vorgeschlagen, der den Link erhalten soll. Der Proposal beschreibt:

  1. Welcher Kreis den Cross Link erhält
  2. Zu welchem Kreis die Verbindung hergestellt wird
  3. Welcher Kreis die Person benennt, die den Link ausfüllt

Beispiel-Proposal:

„Ich schlage vor, dass unser Kreis einen Cross Link zum Kreis ‚Produktentwicklung’ erhält. Der Kreis ‚Produktentwicklung’ benennt die Person, die diesen Link ausfüllt.”

Die Accountabilities

Der Cross Link hat typischerweise folgende Accountabilities:

  • Relevante Spannungen aus dem Zielkreis in unseren Kreis tragen
  • An unseren Governance- und Tactical-Meetings teilnehmen
  • Unsere relevanten Entscheidungen in den Zielkreis kommunizieren

Die Holacracy-Verfassung sagt: Der Kreis, ZU dem verlinkt wird, benennt die Person. Das unterscheidet den Cross Link vom Rep Link, der gewählt wird.

Praktisch:

Der Lead Link des Zielkreises entscheidet, wer die Rolle ausfüllt. Oft ist es jemand, der inhaltlich an der Schnittstelle arbeitet.

Cross Links können in eine oder beide Richtungen funktionieren.

Ein Kreis empfängt einen Cross Link, der andere nicht.

Kreis A ←── Cross Link ── Kreis B
          (nur Kreis A empfängt)

Wann sinnvoll:

  • Kreis A braucht Informationen von Kreis B
  • Kreis B braucht keine Informationen von Kreis A
  • Asymmetrische Abhängigkeit

Beispiel: Marketing empfängt Cross Link von Produktentwicklung (braucht Produktinfos), aber Produktentwicklung braucht keinen Link zu Marketing.

Beide Kreise empfangen Cross Links voneinander.

Kreis A ←── Cross Links ──→ Kreis B
        (beide empfangen)

Wann sinnvoll:

  • Gegenseitige Abhängigkeit
  • Beide Kreise haben regelmäßig Spannungen für den anderen
  • Echte Partnerschaft auf Augenhöhe

Beispiel: Sales und Customer Success haben beide regelmäßig relevante Informationen füreinander.

Die Entscheidung

Frage dich: Wer braucht wirklich Informationen vom anderen?

SituationEmpfehlung
A braucht von B, B nicht von AUni-direktional (A empfängt)
Beide brauchen voneinanderBi-direktional
UnsicherStarte uni-direktional, erweitere bei Bedarf

Manchmal ist die Frage: Brauchen wir einen Cross Link oder ein gemeinsames Projekt?

Wann ein Projekt besser ist

Zeitlich begrenzt: Die Zusammenarbeit hat ein klares Ende.

Konkretes Ergebnis: Es geht um ein spezifisches Deliverable, nicht um laufende Koordination.

Keine strukturelle Änderung nötig: Die Arbeit passt in bestehende Rollen.

Dauerhaft: Die Koordination ist Teil des normalen Betriebs.

Kein klares Ende: Die Zusammenarbeit wird auf absehbare Zeit weitergehen.

Strukturelle Präsenz nötig: Jemand sollte regelmäßig in den Meetings des anderen Kreises sein.

Entscheidungsmatrix

KriteriumProjektCross Link
DauerBegrenztUnbegrenzt
ErgebnisSpezifischLaufend
Meeting-TeilnahmeBei BedarfRegelmäßig
StrukturänderungNeinJa

Übermäßige Cross-Verlinkung vermeiden

Cross Links können zur Überkoordination führen. Bei SI Labs haben wir das erlebt.

Die Symptome

Zu viele Cross Links:

  • Governance-Meetings haben mehr Gäste als Mitglieder
  • Niemand weiß mehr, wer wirklich zum Kreis gehört
  • Meetings werden ineffizient durch zu viele Perspektiven

Cross Links ohne echte Funktion:

  • Der Cross Link sitzt in Meetings, bringt aber nie etwas ein
  • Die Verbindung existiert „für alle Fälle”
  • Keine echten Spannungen werden getragen

Die Lösung

1. Regelmäßige Überprüfung

Frage quartalsweise: Wurde dieser Cross Link in den letzten drei Monaten aktiv genutzt?

2. Sunset-Klausel

Erstelle Cross Links mit Ablaufdatum. Nach 6 Monaten muss aktiv entschieden werden, ob er fortbesteht.

3. Sparsam einsetzen

Beginne ohne Cross Link. Warte, bis eine echte Spannung entsteht. Dann handle strukturell.

Faustregel

Ein Kreis sollte selten mehr als 2-3 Cross Links haben. Wenn mehr nötig scheinen, stimmt möglicherweise die Kreisstruktur nicht.

Research Insight: Zu viele Verbindungen zwischen Einheiten können Organisationen verlangsamen statt zu beschleunigen. Die Kunst liegt im richtigen Maß an Kopplung – eng genug für Koordination, lose genug für Autonomie. [2]

Cross Links sind ein wichtiger Baustein unserer Holacracy-Praxis. Unsere Erfahrungen:

Was wir gelernt haben

Weniger ist mehr. Wir hatten eine Phase, in der fast jeder Kreis Cross Links zu anderen hatte. Das machte Meetings groß und langsam. Heute sind wir sparsamer.

Informelle Kommunikation first. Bevor wir einen Cross Link erstellen, fragen wir: Können die Menschen nicht einfach miteinander reden? Oft reicht das.

Aktiv nutzen oder abschaffen. Cross Links, die niemand nutzt, löschen wir. Sie schaffen nur Verwirrung.

Typische Herausforderungen

  • Die Grenze zwischen „nützlich” und „überflüssig” ist nicht immer klar
  • Cross Links werden manchmal als „nette Geste” erstellt, nicht aus echtem Bedarf
  • Die Person im Cross Link muss aktiv sein – passive Cross Links sind wertlos

Forschungsmethodik

Dieser Artikel basiert auf der Holacracy-Verfassung und unserer praktischen Erfahrung mit Cross Links bei SI Labs, ergänzt durch Forschung zu horizontaler Koordination in Organisationen.

Quellenauswahl:

  • Holacracy-Verfassung und offizielle Materialien
  • Studien zu lateraler Koordination
  • Praktiker-Erfahrungen aus dem Holacracy-Netzwerk

Einschränkungen: Cross Links werden von vielen Holacracy-Organisationen wenig genutzt. Die Praxis ist weniger standardisiert als bei Lead Link und Rep Link.


Offenlegung

SI Labs GmbH praktiziert Holacracy seit über zehn Jahren. Wir haben Cross Links in verschiedenen Konfigurationen erprobt und wieder abgeschafft.


Quellen

[1] Robertson, Brian J. “Holacracy.” In The Management Shift, edited by Vlatka Hlupic, 145-168. Chichester: Wiley, 2012. DOI: 10.1002/9781119197683.ch9 [Buchkapitel | N/A | Zitationen: N/A | Qualität: 60/100]

[2] Bernstein, Ethan, et al. “Beyond the Holacracy Hype: The Overwrought Claims and Actual Promise of the Next Generation of Self-Managed Teams.” Harvard Business Review 94, no. 7/8 (2016): 38-49. [HBR Praxisartikel | Multiple Fallstudien | Zitationen: 312 | Qualität: 72/100]

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