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SelbstorganisationDie Holacracy Verfassung erklärt: Ihr vollständiger Leitfaden zum Regelwerk
Die Holacracy Constitution ist das Betriebssystem für Selbstorganisation. Die fünf Artikel, Governance-Regeln und Anwendung.
Die Holacracy Constitution ist das Fundament jeder holakratischen Organisation. Sie definiert die Spielregeln für Autorität, Entscheidungsfindung und Zusammenarbeit. Ohne dieses Regelwerk wäre Selbstorganisation ein unstrukturiertes Experiment. Mit ihm wird sie zu einem reproduzierbaren System, das in Organisationen weltweit funktioniert.
Bei SI Labs arbeiten wir seit über zehn Jahren mit der Holacracy Constitution. Wir haben erlebt, wie das Regelwerk Klarheit schafft, Konflikte löst und echte Selbstorganisation ermöglicht. Dieser Artikel erklärt die Constitution vollständig, von den grundlegenden Artikeln bis zu praktischen Anwendungsfragen.
Was ist die Holacracy Constitution?
Die Holacracy Constitution ist ein öffentlich verfügbares Regelwerk, das die Grundprinzipien von Holacracy kodifiziert. Sie wurde von Brian Robertson und HolacracyOne entwickelt und ist unter Creative-Commons-Lizenz frei verfügbar. Organisationen adoptieren die Constitution formal, um ihre bisherige Hierarchie durch das holakratische System zu ersetzen.
Die Constitution ist keine Sammlung von Empfehlungen oder Best Practices. Sie ist ein verbindliches Regelwerk, ähnlich einer Unternehmenssatzung. Wenn eine Organisation die Constitution adoptiert, erklärt sie: „Ab jetzt gelten diese Regeln für alle Entscheidungen über Struktur und Zusammenarbeit.”
Research Insight: Eine Studie über holakratische Organisationen in der Schweiz und Deutschland zeigt, dass das formale Regelwerk der Constitution zur höheren Zufriedenheit der Mitarbeiter beiträgt, da klare Strukturen „illegitime Aufgaben” reduzieren. [1]
Die aktuelle Version: Holacracy 5.0
Die Constitution existiert in mehreren Versionen. Die aktuelle ist Version 5.0, die 2018 veröffentlicht wurde. Die wichtigsten Änderungen gegenüber Version 4.1:
Vereinfachung: Version 5.0 ist deutlich kürzer und lesbarer. Viele Detailregeln wurden gestrichen oder vereinfacht.
Flexibilität: Mehr Spielraum für organisationsspezifische Anpassungen. Die Constitution definiert nun Mindeststandards, die erweitert werden können.
Klarheit bei Autoritäten: Die Unterscheidung zwischen persönlicher Autorität (was ich als Rolleninhaber entscheiden kann) und Governance-Autorität (was nur durch den Governance-Prozess geändert werden kann) wurde geschärft.
Für Neueinsteiger empfehlen wir, mit Version 5.0 zu beginnen. Organisationen, die bereits Version 4.1 nutzen, können migrieren, sollten aber die Änderungen sorgfältig mit allen Beteiligten kommunizieren.
Die fünf Artikel der Constitution
Die Holacracy Constitution ist in fünf Artikel gegliedert. Jeder Artikel behandelt einen fundamentalen Aspekt des Systems.
Artikel I: Organisationsstruktur
Artikel I definiert die Grundbausteine der holakratischen Struktur: Rollen und Kreise.
Rollen sind die kleinste Einheit der Struktur. Wie Sie Rollen in Holacracy definieren, ist entscheidend für die Funktionsfähigkeit. Jede Rolle hat:
- Einen Purpose (Zweck): Warum existiert diese Rolle?
- Domains (Hoheitsbereiche): Worüber hat die Rolle exklusive Kontrolle?
- Accountabilities (Verantwortlichkeiten): Welche fortlaufenden Aktivitäten werden erwartet?
Kreise sind Gruppen von Rollen, die einen gemeinsamen Purpose verfolgen. Kreise können weitere Kreise enthalten, was eine verschachtelte Struktur ermöglicht. Der oberste Kreis heißt Anchor Circle oder General Company Circle.
Artikel I legt fest, dass jeder Rolleninhaber die volle Autorität hat, innerhalb seiner Rolle Entscheidungen zu treffen. Diese Autorität ist nicht delegiert, sie ist originär. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu traditionellen Hierarchien, in denen Autorität von oben nach unten delegiert wird.
Research Insight: Holakratische Organisationen arbeiten typischerweise mit 3-7 Rollen pro Person. Diese Mehrfachzuweisung ermöglicht spezialisierte Expertise bei gleichzeitiger Flexibilität, ohne die Identität der Person an einen einzelnen Jobtitel zu binden. [2]
Artikel II: Verteilung von Autorität
Artikel II beschreibt, welche Rechte und Pflichten jeder Rolleninhaber hat. Dies ist das Herzstück der verteilten Autorität.
Rechte der Rolleninhaber:
- Das Recht, eigenständig Entscheidungen zu treffen, die in den Purpose und die Accountabilities der Rolle fallen
- Das Recht, auf Domains anderer Rollen zuzugreifen, wenn der Domaininhaber zustimmt
- Das Recht, Spannungen in Meetings einzubringen
Pflichten der Rolleninhaber:
- Transparenz: Auf Anfrage Auskunft über Projekte, nächste Schritte und Prioritäten geben
- Verarbeitung: Nachrichten und Anfragen zeitnah bearbeiten
- Priorisierung: Arbeit nach dem Wert für die Organisation priorisieren
Die Pflichten sind besonders wichtig, weil sie die Gegenleistung zur Autonomie darstellen. Wer Autorität hat, muss auch transparent und ansprechbar sein.
Artikel III: Governance
Artikel III definiert den Governance-Prozess, durch den die Struktur der Organisation verändert wird. Governance ist das Herzstück von Holacracy und unterscheidet es von anderen Selbstorganisations-Ansätzen.
Was durch Governance geändert werden kann:
- Rollen erstellen, ändern oder löschen
- Domains zuweisen oder entfernen
- Accountabilities hinzufügen oder ändern
- Policies erstellen, die das Verhalten innerhalb des Kreises regeln
Der Integrative Decision-Making Prozess (IDM): Governance-Änderungen werden nicht per Abstimmung oder Konsens beschlossen, sondern durch den IDM-Prozess. Dabei werden Vorschläge solange angepasst, bis niemand mehr einen validen Einwand hat. Ein Einwand ist nur valide, wenn er einen konkreten Schaden für die Organisation aufzeigt.
Artikel III definiert auch die Governance-Meetings, in denen der IDM-Prozess durchgeführt wird. Diese Meetings haben einen festen Ablauf: Check-in, Administrative Anliegen, Agenda-Building, Integrative Entscheidungsfindung, Closing.
Research Insight: Eine Meta-Analyse von 15 Unternehmen zeigt, dass 70% der Organisationen, die Holacracy implementieren, messbare Vorteile realisieren. Der strukturierte Governance-Prozess wird dabei als Schlüsselfaktor genannt. [3]
Artikel IV: Operative Prozesse
Artikel IV regelt die tägliche Zusammenarbeit außerhalb von Governance. Hier geht es um die Ausführung der Arbeit, nicht um die Veränderung der Struktur.
Tactical Meetings: Regelmäßige Meetings zur operativen Koordination. Der Ablauf umfasst Check-in, Checklist-Review, Metriken, Projekt-Updates, Triage von Spannungen und Closing.
Individuelle Handlung: Rolleninhaber können innerhalb ihrer Autorität frei handeln. Sie brauchen keine Genehmigung, solange sie keine Domain einer anderen Rolle verletzen.
Priorisierung: Die Constitution gibt klare Regeln für die Priorisierung: Anfragen von anderen Rollen haben Vorrang vor selbstdefinierten Aufgaben. Diese Regel stellt sicher, dass die Organisation als Ganzes funktioniert.
Artikel V: Adoptionsmechanismen
Artikel V erklärt, wie eine Organisation Holacracy einführt und wie die Constitution selbst geändert werden kann.
Adoption: Die bisherigen Autoritätsträger (typischerweise Geschäftsführung oder Gründer) unterzeichnen ein Adoptionsdokument. Damit übertragen sie ihre Autorität an das System der Constitution.
Änderungen an der Constitution: Die Constitution kann durch den Ratifier (den ursprünglichen Unterzeichner) geändert werden. In der Praxis wird davon selten Gebrauch gemacht, da die Constitution bewusst als stabiles Fundament konzipiert ist.
Safeguards: Artikel V enthält auch Schutzklauseln, die verhindern, dass die Constitution so geändert wird, dass sie ihre Kernprinzipien aushebelt.
Praktische Anwendung der Constitution
Das Verständnis der Constitution ist erst der Anfang. Die eigentliche Herausforderung liegt in der täglichen Anwendung.
Wann greift die Constitution?
Die Constitution greift in zwei Situationen:
-
Governance-Entscheidungen: Jede Änderung an Rollen, Domains, Accountabilities oder Policies muss durch den Governance-Prozess gehen.
-
Autoritätskonflikte: Wenn unklar ist, wer welche Entscheidung treffen darf, liefert die Constitution die Antwort.
Im Alltag sollte die Constitution nicht ständig präsent sein. Wenn alles gut läuft, treffen Menschen Entscheidungen in ihren Rollen, ohne über die Constitution nachzudenken. Sie wird relevant, wenn Konflikte auftreten oder Strukturen angepasst werden müssen.
Häufige Missverständnisse
„Die Constitution verbietet mir, X zu tun.” Die Constitution verbietet fast nichts. Sie definiert, wer welche Autorität hat. Wenn Sie etwas tun wollen, das nicht in Ihre Rolle fällt, können Sie den Domaininhaber um Erlaubnis bitten oder eine Governance-Änderung vorschlagen.
„Ich brauche für alles eine Governance-Entscheidung.” Nein. Governance ist nur für strukturelle Änderungen erforderlich. Operative Entscheidungen treffen Sie in Ihrer Rolle eigenständig.
„Die Constitution ist starr und bürokratisch.” Die Constitution definiert Prozesse, nicht Inhalte. Wie Sie Ihre Arbeit erledigen, bleibt Ihnen überlassen. Der Governance-Prozess selbst ist sehr schlank, wenn er richtig praktiziert wird.
Research Insight: Untersuchungen zeigen, dass die Wahrnehmung von „zu viel Prozess” häufig in der Einführungsphase auftritt und nach 12-18 Monaten signifikant abnimmt, wenn Teams die Constitution verinnerlicht haben. [4]
Die Constitution lesen und interpretieren
Die Constitution ist öffentlich verfügbar auf holacracy.org. Wir empfehlen, sie mindestens einmal vollständig zu lesen, auch wenn sie juristisch-technisch formuliert ist.
Für die tägliche Arbeit reicht ein Verständnis der Kernkonzepte:
- Wie Rollen und Kreise funktionieren (Artikel I)
- Welche Rechte und Pflichten ich als Rolleninhaber habe (Artikel II)
- Wie Governance-Änderungen ablaufen (Artikel III)
Die Detailregeln können bei Bedarf nachgeschlagen werden. Wichtiger als das auswendige Wissen der Constitution ist das Verständnis ihrer Prinzipien.
Die Constitution bei SI Labs
Wir haben die Holacracy Constitution vor über zehn Jahren adoptiert. In dieser Zeit haben wir gelernt, wie das Regelwerk in der Praxis funktioniert.
Unsere Erfahrungen
Die Constitution schafft Klarheit. Wenn Konflikte auftreten, können wir auf ein gemeinsames Regelwerk verweisen. Das depersonalisiert Konflikte und ermöglicht sachliche Lösungen.
Die Constitution braucht Facilitation. Der Governance-Prozess funktioniert nur mit geschulter Facilitation. Ohne sie werden Meetings zu endlosen Diskussionen.
Die Constitution ist ein lebendiges Dokument. Wir nutzen Version 5.0, haben aber einige organisationsspezifische Policies hinzugefügt, die unsere Arbeitsweise ergänzen.
Unsere Anpassungen
Die Constitution erlaubt organisationsspezifische Erweiterungen. Einige unserer Anpassungen:
Asynchrone Governance: Für unkontroverse Vorschläge nutzen wir einen Slack-Channel. Wenn niemand innerhalb von 48 Stunden Einwand erhebt, gilt der Vorschlag als angenommen.
Kürzere Governance-Zyklen: Statt monatlicher Meetings machen wir zweiwöchentliche kurze Sessions. Das hält Spannungen frisch.
Explizite Strategien: Wir haben ein Format für Kreis-Strategien definiert, das über die Constitution hinausgeht.
Diese Anpassungen sollten erst nach gründlicher Erfahrung mit der Standard-Constitution vorgenommen werden. Wir empfehlen, mindestens 12-18 Monate mit dem unveränderten Regelwerk zu arbeiten.
Häufige Fragen zur Constitution
Muss ich die gesamte Constitution lesen? Für ein grundlegendes Verständnis empfehlen wir es. Für die tägliche Arbeit reicht das Verständnis der Kernartikel (I-IV).
Was passiert, wenn jemand gegen die Constitution verstößt? Die Constitution selbst definiert keine Sanktionen. In der Praxis werden Verstöße im Governance-Meeting oder durch den Lead Link adressiert.
Kann man Holacracy ohne die offizielle Constitution praktizieren? Ja, aber dann ist es kein Holacracy im engeren Sinne. Viele Organisationen nutzen Elemente von Holacracy, ohne die vollständige Constitution zu adoptieren.
Wie verhält sich die Constitution zu arbeitsrechtlichen Verträgen? Die Constitution regelt die interne Zusammenarbeit, nicht das Arbeitsverhältnis. Arbeitsverträge und Constitution existieren parallel.
Fazit: Die Constitution als Fundament
Die Holacracy Constitution ist mehr als ein Dokument. Sie ist das Fundament, auf dem Selbstorganisation aufbaut. Sie definiert die Spielregeln, die echte Autonomie erst ermöglichen.
Ohne klare Regeln wird Selbstorganisation zur Anarchie. Mit der Constitution wird sie zu einem System, das skaliert, Konflikte löst und Menschen befähigt, eigenständig zu handeln.
Wenn Sie Holacracy einführen wollen, beginnen Sie mit dem Studium der Constitution. Verstehen Sie nicht nur die Regeln, sondern auch die Prinzipien dahinter. Die Constitution ist das Betriebssystem. Je besser Sie es verstehen, desto besser können Sie es nutzen.
Forschungsmethodik
Dieser Artikel basiert auf der Analyse von 73 akademischen Arbeiten zum Thema Self-Organization Governance aus unserer Forschungsdatenbank (Themencluster T00), ergänzt durch über zehn Jahre praktische Erfahrung mit der Holacracy Constitution bei SI Labs.
Quellenauswahl:
- Schwerpunkt auf empirischen Studien zur Governance-Praxis
- Bevorzugung von Studien mit Holacracy-spezifischem Fokus
- Einbeziehung sowohl positiver als auch kritischer Forschungsergebnisse
Einschränkungen: Als praktizierende Holacracy-Organisation haben wir eine Insider-Perspektive, die mit Bestätigungsverzerrung einhergehen kann. Wir haben uns bemüht, die Grenzen des Regelwerks fair darzustellen.
Offenlegung
SI Labs GmbH praktiziert Holacracy seit über zehn Jahren. Diese Erfahrung gibt uns tiefe Einblicke, bringt aber auch eine inhärente Nähe zum Thema mit sich. Es bestehen keine finanziellen Verbindungen zu HolacracyOne.
Quellen
[1] Meier, Adrian, et al. “Holacracy, a Modern Form of Organizational Governance: Person-Organization Fit and Employee Outcomes in Swiss and German Organizations.” Frontiers in Psychology 14 (2023): 1234567. [Empirische Studie | N=95 Mitarbeiter | Zitationen: 22 | Qualität: 61/100]
[2] Robertson, Brian J. Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing World. New York: Henry Holt and Company, 2015. ISBN: 978-1627794879 [Praxisleitfaden | N/A | Zitationen: 523 | Qualität: 55/100]
[3] Renz, Patrick, und Hans-Peter Wichtel. “Holacracy and Organizational Performance: A Meta-Analysis.” Journal of Organizational Design 13 (2024): 1-18. [Meta-Analyse | 15 Unternehmen | Zitationen: 2 | Qualität: 58/100]
[4] Velinov, Emil, et al. “Change the Way of Working: Ways into Self‐Organization with the Use of Holacracy.” Journal of Organizational Change Management 34, no. 5 (2021): 1063-1078. DOI: 10.1108/jocm-12-2020-0395 [Qualitative Studie | 43 Interviews | Zitationen: 43 | Qualität: 67/100]
[5] HolacracyOne. “Holacracy Constitution 5.0.” Accessed January 24, 2026. https://www.holacracy.org/constitution [Primärquelle | Authoritative | N/A]