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SelbstorganisationTemporäre Rollen in Holacracy: Befristete Autorität für befristete Arbeit
Nicht jede Rolle muss dauerhaft sein. Wann temporäre Rollen sinnvoll sind, wie man sie erstellt, und wie der Sunset-Mechanismus funktioniert.
Nicht jede Arbeit ist dauerhaft – und nicht jede Rolle muss es sein. Holacracy erlaubt temporäre Rollen: Rollen mit Ablaufdatum. Sie entstehen für einen spezifischen Zweck und verschwinden, wenn dieser erfüllt ist.
Bei SI Labs nutzen wir temporäre Rollen für Events, Projekte und Experimente. Für den vollständigen Kontext siehe unseren Holacracy-Leitfaden. Dieser Artikel erklärt, wann und wie temporäre Rollen sinnvoll sind.
Wann eine Rolle temporär sein sollte
Die Entscheidung zwischen permanenter und temporärer Rolle ist eine Design-Entscheidung.
Klare Indikatoren für temporäre Rollen
1. Definiertes Ende
Die Arbeit hat ein natürliches Ende. Nach diesem Datum wird die Rolle nicht mehr gebraucht.
Beispiel: „Weihnachtsfeier-Organisator” – nach der Feier ist die Arbeit getan.
2. Projektbezogen
Die Rolle existiert, um ein spezifisches Ergebnis zu erreichen. Danach ist sie überflüssig.
Beispiel: „Website-Relaunch-Lead” – nach dem Launch endet die Rolle.
3. Experimentell
Die Rolle ist ein Versuch. Wenn sie funktioniert, wird sie permanent. Wenn nicht, verschwindet sie.
Beispiel: „Podcast-Pilotprojekt” – nach 6 Episoden wird evaluiert.
4. Saisonal
Die Arbeit fällt nur zu bestimmten Zeiten an.
Beispiel: „Messe-Koordination” – nur während der Messesaison aktiv.
Wann eine Rolle NICHT temporär sein sollte
Laufende Arbeit: Wenn die Accountabilities dauerhaft gebraucht werden, ist eine permanente Rolle angemessen.
Unsicherheit: Wenn unklar ist, ob die Rolle temporär sein sollte, starte lieber permanent und lösche bei Bedarf.
Vermeidung von Commitment: Temporäre Rollen sollten nicht genutzt werden, um sich Optionen offen zu halten.
Die Proposal-Vorlage mit Ablaufdatum
Temporäre Rollen werden wie permanente durch Governance erstellt – mit einem zusätzlichen Element.
Der Proposal
„Ich schlage vor, eine temporäre Rolle ‚[Name]’ zu erstellen mit folgendem Purpose: [Purpose].
Die Rolle hat folgende Accountabilities:
- [Accountability 1]
- [Accountability 2]
Sunset-Datum: [Datum]. An diesem Datum endet die Rolle automatisch, sofern kein neuer Governance-Beschluss sie verlängert.”
Das Sunset-Datum
Das Sunset-Datum ist der Schlüssel zu temporären Rollen. An diesem Datum:
- Endet die Rolle automatisch
- Werden alle Projekte der Rolle übergeben oder beendet
- Wird die Rolle aus den Records entfernt
Wichtig: Kein weiterer Governance-Beschluss ist nötig, um die Rolle zu beenden. Sie endet durch Zeitablauf.
Verlängerung
Wenn die Rolle doch länger gebraucht wird:
- Jemand bringt vor dem Sunset-Datum einen neuen Proposal ein
- Der Proposal verlängert das Sunset-Datum
- Governance verarbeitet den Proposal wie üblich
Projekt-Rollen
Die häufigste Form temporärer Rollen.
Was eine Projekt-Rolle ist
Eine Rolle, die existiert, um ein spezifisches Projekt zu ermöglichen. Sie hat:
- Purpose: Das Projektergebnis erreichen
- Accountabilities: Projektbezogene Tätigkeiten
- Sunset: Projektende (oder Meilenstein)
Wann Projekt-Rollen sinnvoll sind
Klare Autorität nötig
Das Projekt braucht eine Person mit expliziter Entscheidungsbefugnis, die über normale Rollengrenzen hinausgeht.
Koordination über Kreise
Das Projekt betrifft mehrere Kreise und braucht einen zentralen Koordinationspunkt.
Besondere Ressourcen
Das Projekt hat eigenes Budget oder eigene Ressourcen, die verwaltet werden müssen.
Beispiel: Projekt-Rolle „App-Launch”
Purpose: Die neue App erfolgreich am Markt einführen.
Accountabilities:
- Launch-Timeline koordinieren
- Go/No-Go-Entscheidung vorbereiten
- Cross-funktionale Abstimmung sicherstellen
- Launch-Kommunikation orchestrieren
Sunset: 4 Wochen nach Launch-Datum
Event-Rollen
Für wiederkehrende oder einmalige Events.
Einmalige Event-Rollen
Beispiel: „Jubiläumsfeier 10 Jahre SI Labs”
Purpose: Die Jubiläumsfeier planen und durchführen.
Sunset: 1 Woche nach dem Event.
Wiederkehrende Event-Rollen
Beispiel: „Quartals-Offsite Organisator”
Purpose: Die quartalsweisen Offsites planen und durchführen.
Hier kann die Rolle permanent sein (wiederkehrend) oder temporär mit Erneuerung (jedes Quartal neu bestätigen).
Event-Rollen vs. Accountabilities in permanenten Rollen
Manchmal gehört Event-Organisation zu einer permanenten Rolle („Office Management” organisiert auch die Weihnachtsfeier). Eine separate temporäre Rolle ist nur sinnvoll, wenn:
- Das Event außerhalb der normalen Arbeit liegt
- Spezielle Autorität gebraucht wird
- Eine andere Person es besser machen kann
Sunset-Mechanismen
Wie Rollen sauber enden.
Automatischer Sunset
Das einfachste: Die Rolle endet zum definierten Datum. Kein Beschluss nötig.
Vorbereitung:
- 2-4 Wochen vor Sunset: Projekte übergeben oder abschließen
- 1 Woche vor Sunset: Letzte Dokumentation
- Sunset-Datum: Rolle endet
Trigger-basierter Sunset
Statt eines Datums ein Ereignis:
„Diese Rolle endet, wenn [Ereignis eintritt].”
Beispiel: „Diese Rolle endet, wenn die Migration abgeschlossen ist.”
Vorteil: Flexibler bei unklarem Zeitrahmen. Nachteil: Kann sich endlos hinziehen, wenn das Ereignis nicht klar definiert ist.
Review-basierter Sunset
„Diese Rolle wird am [Datum] überprüft. Wenn kein Verlängerungsbeschluss gefasst wird, endet sie.”
Das zwingt zu einer bewussten Entscheidung über Fortbestand.
Temporäre vs. permanente Rollen: Entscheidungshilfe
Eine Checkliste:
| Frage | Wenn Ja → | Wenn Nein → |
|---|---|---|
| Hat die Arbeit ein klares Ende? | Temporär | Permanent |
| Ist die Arbeit projektbezogen? | Temporär | Permanent |
| Wird die Arbeit wiederkehrend gebraucht? | Permanent | Temporär |
| Ist es ein Experiment? | Temporär (mit Review) | Permanent |
| Bin ich unsicher? | Permanent (leichter zu löschen) | - |
Der Default
Im Zweifel: Starte permanent. Permanente Rollen können jederzeit durch Governance gelöscht werden. Temporäre Rollen, die doch dauerhaft gebraucht werden, erfordern aktive Verlängerung.
Temporäre Rollen bei SI Labs
Unsere Erfahrungen:
Was wir gelernt haben
Sunset-Dates ernst nehmen. Wenn eine Rolle endet, endet sie. Das zwingt zu sauberem Abschluss.
Nicht zu viele gleichzeitig. Viele temporäre Rollen erzeugen Verwaltungsaufwand. Wir nutzen sie gezielt, nicht inflationär.
Projekte brauchen nicht immer Rollen. Manchmal reicht ein Projekt in einer bestehenden Rolle. Die temporäre Rolle ist das Werkzeug für größere Vorhaben.
Typische Herausforderungen
- Vergessen, dass eine Rolle endet (Kalender-Reminder helfen)
- Emotionaler Abschied von temporären Rollen („Aber ich war so gut darin!”)
- Unklare Sunset-Definitionen („wenn das Projekt fertig ist” – was heißt fertig?)
Forschungsmethodik
Dieser Artikel basiert auf der Holacracy-Verfassung und unserer praktischen Erfahrung mit temporären Rollen bei SI Labs.
Quellenauswahl:
- Holacracy-Verfassung und offizielle Materialien
- Praktiker-Erfahrungen aus dem Holacracy-Netzwerk
Einschränkungen: Temporäre Rollen sind weniger standardisiert als permanente. Die Praxis variiert zwischen Organisationen.
Offenlegung
SI Labs GmbH praktiziert Holacracy seit über zehn Jahren. Wir nutzen temporäre Rollen regelmäßig für Projekte und Events.
Quellen
[1] Robertson, Brian J. “Holacracy.” In The Management Shift, edited by Vlatka Hlupic, 145-168. Chichester: Wiley, 2012. DOI: 10.1002/9781119197683.ch9 [Buchkapitel | N/A | Zitationen: N/A | Qualität: 60/100]