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SelbstorganisationMulti-Rollen in Holacracy: Eine Person, viele Rollen
In Holacracy hat eine Person oft mehrere Rollen. Wie man Multi-Rollen managt, Prioritäten setzt und Überlastung vermeidet.
In Holacracy ist es normal, mehrere Rollen zu haben. Anders als in traditionellen Organisationen, wo eine Person eine Stelle hat, verteilt Holacracy Arbeit auf Rollen – und eine Person kann beliebig viele davon ausfüllen. Diese Multi-Rollen-Realität bringt Chancen und Herausforderungen.
Bei SI Labs haben die meisten Menschen 3-7 Rollen. Dieser Artikel beschreibt, wie wir damit umgehen.
Die Multi-Rollen-Realität
Die Trennung zwischen Person und Rolle ist fundamental für Holacracy. Eine Person ist nicht ihre Rolle – sie füllt Rollen aus.
Warum Multi-Rollen sinnvoll sind
Flexibilität: Arbeit kann dahin fließen, wo Kapazität ist, ohne Stellenbeschreibungen ändern zu müssen.
Nutzung von Stärken: Eine Person kann ihre verschiedenen Talente in verschiedenen Rollen einsetzen.
Organisatorische Effizienz: Nicht jede Rolle braucht eine volle Stelle. Kleine Rollen können von Menschen mit Restkapazität übernommen werden.
Lernen: Neue Rollen ermöglichen Entwicklung ohne Beförderung. Siehe auch wie Rollen sich entwickeln.
Typische Rollenverteilung
| Organisationstyp | Durchschnittliche Rollen pro Person |
|---|---|
| Kleine Organisation (< 20) | 5-8 Rollen |
| Mittlere Organisation (20-100) | 3-5 Rollen |
| Große Organisation (> 100) | 2-4 Rollen |
Größere Organisationen haben tendenziell spezialisiertere Rollen, daher weniger pro Person.
Research Insight: Multi-Rollen-Strukturen erhöhen die organisationale Flexibilität, erfordern aber klarere Priorisierungsmechanismen. Ohne diese entstehen Überlastung und Konflikte. [1]
Wie viele Rollen sind realistisch?
Die Frage ist nicht nur, wie viele Rollen jemand haben kann, sondern wie viele sinnvoll sind.
Faktoren für die richtige Anzahl
Komplexität der Rollen
Eine komplexe Rolle mit vielen Accountabilities „verbraucht” mehr Kapazität als eine einfache Rolle.
Zeitlicher Rhythmus
Manche Rollen erfordern tägliche Arbeit, andere nur wöchentlich oder monatlich.
Kognitive Last
Der Wechsel zwischen Rollen kostet Energie. Je mehr Rollen, desto mehr Kontextwechsel.
Interdependenzen
Wenn Rollen oft miteinander koordinieren müssen, erhöht das den Aufwand.
Warnzeichen für zu viele Rollen
- Projekte werden nicht abgeschlossen
- Meetings werden verpasst
- Qualität sinkt
- Permanentes Gefühl der Überlastung
- Spannungen werden nicht mehr eingebracht
Faustregel
Die meisten Menschen können 3-6 Rollen gut ausfüllen. Darüber hinaus beginnt die Qualität zu leiden. Aber: Eine Person mit 4 komplexen Rollen kann überlasteter sein als eine mit 8 einfachen.
Rollen priorisieren
Wenn nicht alles geht, muss priorisiert werden.
Der Lead Link als Priorisierungsinstanz
In jedem Kreis gibt es einen Lead Link. Eine seiner Accountabilities: Bei konkurrierenden Prioritäten zwischen Rollen Klarheit schaffen.
Wie das funktioniert:
- Du hast Rollen in Kreis A und Kreis B
- Beide erfordern deine Zeit
- Du fragst die jeweiligen Lead Links nach relativer Priorität
- Du handelst entsprechend
Wichtig: Der Lead Link gibt Prioritätshinweise, keine Arbeitsanweisungen. Wie du innerhalb der Rolle arbeitest, entscheidest du.
Selbst-Priorisierung
Innerhalb einer Rolle priorisierst du selbst. Dazu nutzt du:
- Den Purpose der Rolle
- Die Strategie des Kreises
- Die relative Priorität verschiedener Projekte
- Deinen gesunden Menschenverstand
Priorisierung über Kreise hinweg
Wenn du Rollen in verschiedenen Kreisen hast:
- Erst Lead Links fragen: Welcher Kreis hat gerade höhere Priorität?
- Dann innerhalb der Rolle priorisieren: Welche Projekte sind am dringendsten?
- Transparent kommunizieren: Wenn etwas nicht geht, sag es früh.
Rollenhüte wechseln
Eine praktische Technik für den Alltag.
Das Konzept
In Holacracy „trägt” man verschiedene „Hüte” – die Rollen. Wenn du handelst, handelst du aus einer Rolle heraus. Das explizit zu machen hilft.
Beispiel:
„Als [Rolle X] möchte ich [Aktion Y].” „In meiner Rolle als [Newsletter] bitte ich [Support] um die Kundenliste.”
Warum das hilft
Klarheit: Andere wissen, aus welcher Autorität du sprichst.
Fokus: Du denkst aus der Perspektive der Rolle, nicht aus persönlicher Präferenz.
Grenzen: Du merkst, wenn du außerhalb deiner Rollen agierst.
In Meetings
In Tactical und Governance Meetings wird das Rollenhut-Konzept explizit:
- „Ich bringe eine Spannung als [Rolle X] ein.”
- „Als [Rolle Y] habe ich eine Frage an [Rolle Z].”
Das ist nicht Pedanterie – es schafft Klarheit über Zuständigkeiten.
Überlastung erkennen und kommunizieren
Überlastung ist ein Signal, kein Versagen.
Frühe Warnzeichen
- Du sagst „Ja” zu allem, obwohl du weißt, dass es nicht geht
- Projekte stapeln sich ohne Fortschritt
- Du vermeidest Governance, weil du keine Zeit für neue Verantwortung hast
- Du fühlst dich ständig im Rückstand
Was zu tun ist
Schritt 1: Inventar machen
Liste alle deine Rollen und deren Projekte auf. Wie viele Stunden pro Woche brauchen sie realistisch?
Schritt 2: Gap identifizieren
Vergleiche den Bedarf mit deiner verfügbaren Zeit. Wie groß ist die Lücke?
Schritt 3: Kommunizieren
Bringe die Spannung ein – im Tactical Meeting deines Kreises oder direkt beim Lead Link.
„Ich habe X Stunden pro Woche. Meine Rollen brauchen Y Stunden. Ich brauche Hilfe bei der Priorisierung oder muss Rollen abgeben.”
Lösungen für Überlastung
| Option | Wann sinnvoll |
|---|---|
| Prioritäten klären | Wenn nicht klar ist, was wichtiger ist |
| Rolle abgeben | Wenn jemand anderes sie besser ausfüllen kann |
| Rolle aufteilen | Wenn die Rolle zu groß geworden ist |
| Mehr Kapazität | Wenn alle Rollen wirklich gebraucht werden |
| Accountabilities reduzieren | Wenn eine Rolle zu viel gewachsen ist |
Tactical Meetings für Multi-Rollen-Inhaber
Tactical Meetings helfen bei der Koordination.
Wie es funktioniert
Im Tactical bringst du Spannungen aus jeder deiner Rollen ein – nacheinander.
„Als [Newsletter] brauche ich die aktuellen Zahlen von [Analytics].” „Als [Events] brauche ich eine Entscheidung über das Budget.”
Tipps für Multi-Rollen
- Bereite dich für jede Rolle separat vor
- Notiere Spannungen rollenweise
- Priorisiere: Welche Spannungen sind am dringendsten?
- Nutze das Meeting für Koordination, nicht für Arbeit
Was das Tactical nicht löst
- Grundsätzliche Überlastung (das ist Governance oder Lead Link)
- Strukturelle Probleme (das ist Governance)
- Persönliche Unzufriedenheit (das ist ein anderes Gespräch)
Multi-Rollen bei SI Labs
Unsere Erfahrungen:
Was wir gelernt haben
Die richtige Anzahl ist individuell. Manche Menschen gedeihen mit vielen kleinen Rollen, andere brauchen wenige große.
Transparenz ist entscheidend. Jeder soll wissen, welche Rollen er hat und wie viel Zeit sie brauchen.
Überlastung ist kein Versagen. Es ist Information, dass die Struktur angepasst werden muss.
Typische Herausforderungen
- Menschen identifizieren sich mit Rollen und wollen sie nicht abgeben
- Die Grenze zwischen „volle Kapazität” und „Überlastung” ist fließend
- Manche Rollen sind unsichtbar zeitintensiv
Forschungsmethodik
Dieser Artikel basiert auf der Holacracy-Verfassung, Forschung zu Arbeitsorganisation und über zehn Jahre Erfahrung mit Multi-Rollen-Strukturen bei SI Labs.
Quellenauswahl:
- Holacracy-Verfassung und offizielle Materialien
- Studien zu Arbeitsbelastung und Priorisierung
- Praktiker-Erfahrungen aus dem Holacracy-Netzwerk
Einschränkungen: Die optimale Rollenanzahl variiert stark je nach Kontext.
Offenlegung
SI Labs GmbH praktiziert Holacracy seit über zehn Jahren. Die meisten Teammitglieder haben mehrere Rollen.
Quellen
[1] Bernstein, Ethan, et al. “Beyond the Holacracy Hype: The Overwrought Claims and Actual Promise of the Next Generation of Self-Managed Teams.” Harvard Business Review 94, no. 7/8 (2016): 38-49. [HBR Praxisartikel | Multiple Fallstudien | Zitationen: 312 | Qualität: 72/100]
[2] Kirtley, Jacqueline, und Siobhan O’Mahony. “The myth of the flat start‐up.” Strategic Management Journal 44, no. 7 (2023): 1669-1702. DOI: 10.1002/smj.3333 [Empirische Studie | 81 Start-ups | Zitationen: 81 | Qualität: 78/100]