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Selbstorganisation

Häufige Fehler bei der Holacracy-Implementierung

Die typischen Fehler bei der Holacracy-Einführung und wie Sie sie vermeiden: Von unzureichendem Training bis zu unrealistischen Erwartungen.

Die Holacracy-Implementierung scheitert nicht an der Methode selbst, sondern an der Umsetzung. Die meisten Fehler sind vermeidbar, wenn Sie sie kennen. Dieser Artikel beschreibt die häufigsten Fehler und wie Sie sie vermeiden.

Fehler 1: Unzureichendes Facilitator-Training

Das Problem: Die Organisation beginnt mit Governance-Meetings, aber niemand kann sie vernünftig leiten. Meetings werden zu Diskussionsrunden. Der Prozess wird ignoriert. Frustration steigt.

Warum es passiert: Training wird als optional betrachtet. „Wir lesen einfach die Regeln und fangen an.” Oder das Training ist zu theoretisch ohne praktische Übungen.

Die Lösung: Investieren Sie in hochwertiges Facilitator-Training vor dem Start. Mindestens 2-3 Personen sollten intensiv trainiert sein, mit praktischen Übungen und Supervision.

Forschungserkenntnis: Organisationen mit formalem Facilitator-Training erreichen in 6 Monaten die Meeting-Effizienz, die untrainierte Teams erst nach 18 Monaten erreichen. [1]

Fehler 2: Halbherziges Leadership-Commitment

Das Problem: Die Führung sagt, sie unterstütze Holacracy. Aber bei Stress fällt sie in alte Muster zurück: „Ich entscheide jetzt einfach.” Das Signal: Holacracy ist nur Dekoration.

Warum es passiert: Echtes Commitment bedeutet Machtverzicht. Das ist schwer. Manche Führungskräfte unterschätzen, was es wirklich bedeutet, Autorität abzugeben.

Die Lösung: Testen Sie Commitment vor dem Start mit konkreten Szenarien. Begleiten Sie Führungskräfte beim Change Management für ihre Identität. Adressieren Sie Rückfälle sofort und direkt.

Fehler 3: Zu schneller Rollout

Das Problem: Die gesamte Organisation wird auf einmal umgestellt. Niemand weiß, was er tut. Facilitatoren sind überfordert. Das System kollabiert unter der Last.

Warum es passiert: Ungeduld. Der Wunsch, schnell Ergebnisse zu sehen. Unterschätzung der Komplexität.

Die Lösung: Realistischer Zeitplan. Bei mittleren und großen Organisationen: Pilot vor Rollout. Schrittweise Erweiterung.

Fehler 4: Unrealistische Erwartungen

Das Problem: Man erwartet sofortige Verbesserungen. Nach 3 Monaten wird Holacracy als gescheitert erklärt, weil die Meetings noch holprig sind.

Warum es passiert: Mangelndes Verständnis der Lernkurve. Holacracy-Enthusiasten übertreiben manchmal die Vorteile.

Die Lösung: Setzen Sie realistische Erwartungen von Anfang an. Das „Adoption Valley” liegt bei 6-12 Monaten. Erste Stabilität nach 12-18 Monaten. Definieren Sie Metriken, die frühe Fortschritte sichtbar machen.

Fehler 5: Kulturelle Arbeit ignorieren

Das Problem: Die Prozesse sind da, aber die Menschen warten weiter auf Anweisungen. Eigeninitiative fehlt. Spannungen werden nicht eingebracht.

Warum es passiert: Holacracy ist ein System, aber Kultur ändert sich nicht automatisch mit dem System. Menschen brauchen Zeit und Unterstützung.

Die Lösung: Parallele Kulturarbeit. Coaching für Menschen, die Schwierigkeiten haben. Positive Verstärkung für Eigeninitiative. Siehe warum Holacracy gelingt.

Fehler 6: Jobtitel als Rollen übernehmen

Das Problem: Das Role Mapping ist oberflächlich. „Marketing Manager” wird zur Rolle „Marketing Manager”. Die alten Strukturen werden nur umbenannt.

Warum es passiert: Zeitmangel. Mangelndes Verständnis des Unterschieds zwischen Jobs und Rollen.

Die Lösung: Investieren Sie Zeit in sorgfältiges Role Mapping. Analysieren Sie die tatsächliche Arbeit, nicht die Jobtitel. Beginnen Sie mit weniger Rollen und verfeinern Sie durch Governance.

Fehler 7: Zu tiefe Kreisstruktur

Das Problem: Zu viele Ebenen von Sub-Kreisen. Information muss durch viele Ebenen fließen. Rep Links sind überfordert. Governance wird komplex.

Warum es passiert: Übertriebene Strukturierungsfreude. Versuch, jede Gruppe zu einem Kreis zu machen.

Die Lösung: Beginnen Sie flach. Zwei Ebenen (Anchor + Sub-Kreise) sind oft genug. Fügen Sie Tiefe nur hinzu, wenn echte Governance-Autonomie benötigt wird. Siehe Kreis-Design.

Fehler 8: Tool als Selbstzweck

Das Problem: Viel Energie fließt in die perfekte Tool-Konfiguration. Aber die Menschen nutzen es nicht richtig. Das Tool wird zur Bürokratie.

Warum es passiert: Tools sind greifbar. Menschen fühlen sich produktiv, wenn sie ein Tool konfigurieren. Es ist einfacher als die schwierige Kulturarbeit.

Die Lösung: Tool ist Mittel zum Zweck. Beginnen Sie mit Minimal-Konfiguration. Erweitern Sie nach Bedarf. Fokussieren Sie auf die Menschen, nicht das Tool.

Fehler 9: Keine klare Entscheidung nach dem Pilot

Das Problem: Der Pilot läuft und läuft. Nach 18 Monaten gibt es immer noch keinen Rollout-Plan. Holacracy im Pilotkreis ist isoliert.

Warum es passiert: Angst vor der Entscheidung. Hoffnung, dass sich die Frage von selbst klärt.

Die Lösung: Definieren Sie vor dem Pilot klare Erfolgskriterien und einen Entscheidungszeitpunkt. Nach 6-9 Monaten: Entscheiden. Rollout oder Exit.

Fehler 10: Externe Abhängigkeit

Das Problem: Die Organisation ist abhängig von externen Coaches. Wenn der Coach nicht da ist, funktioniert nichts. Interne Kompetenz wird nicht aufgebaut.

Warum es passiert: Externe Coaches sind komfortabel. Sie übernehmen die schwierige Arbeit. Aber die Organisation lernt nicht selbst.

Die Lösung: Externe Coaches für den Start, aber mit klarem Ziel: Wissenstransfer. Bauen Sie interne Facilitatoren auf. Reduzieren Sie externe Abhängigkeit bewusst über Zeit.

Fehler 11: Governance als Event statt Prozess

Das Problem: Governance-Meetings werden als seltenes Event behandelt. Spannungen sammeln sich an. Wenn endlich ein Meeting stattfindet, ist es überfüllt.

Warum es passiert: Meetings werden verschoben, weil „keine Zeit”. Governance wird als Overhead gesehen, nicht als Kernprozess.

Die Lösung: Regelmäßiger Rhythmus. Governance-Meetings mindestens monatlich, bei Bedarf öfter. Management-Commitment zu Meeting-Zeit.

Fehler 12: Einwände als Blockade

Das Problem: Einwände werden als Möglichkeit genutzt, alles zu blockieren. Jeder Vorschlag scheitert an „Einwänden”, die eigentlich Bedenken sind.

Warum es passiert: Mangelndes Training zu Validitätstests. Kultur der Vermeidung statt Lösungsorientierung.

Die Lösung: Training zu Einwand vs. Bedenken. Facilitator muss Einwände rigoros testen. Integrationsphase nutzen, nicht nur blockieren.

Was die Forschung zeigt: Das kritische Bild

Die akademische Forschung zu Holacracy liefert wichtige Erkenntnisse über häufige Fehler:

Der Harvard-Business-Review-Befund:

Eine einflussreiche Analyse zu Holacracy und verwandten Ansätzen zeigt: Die größten Herausforderungen liegen nicht in der Methode, sondern in der Implementierung [2]. Die Autoren identifizieren mehrere kritische Fehlerquellen:

  • Überschätzung der „Bossless”-Narrative: Der Hype um flache Hierarchien führt zu unrealistischen Erwartungen
  • Unterschätzung der nötigen Struktur: Selbstorganisation braucht mehr Regeln, nicht weniger
  • Vernachlässigung der menschlichen Seite: Prozesse ändern sich schneller als Kultur

Die Mitarbeiterperspektive:

Forschung zu Mitarbeiterreaktionen auf Holacracy-Einführung zeigt: Wie Mitarbeiter die Veränderung verstehen und interpretieren („Sensemaking”), ist entscheidend für den Erfolg [3].

Kritische Befunde:

  • Mitarbeiter, die die Veränderung als „aufgezwungen” erleben, zeigen höheren Widerstand
  • Intensive Stakeholder-Beteiligung (Interviews, Workshops) vor dem Start verbessert die Akzeptanz
  • Der Übergang von Manager-Identität zu Rollen-Identität braucht explizite Unterstützung

Implikation: Viele der oben genannten Fehler (unzureichendes Commitment, unrealistische Erwartungen, kulturelle Arbeit ignorieren) haben eine gemeinsame Wurzel: mangelhaftes Change-Management auf der menschlichen Ebene


Forschungsmethodik

Dieser Artikel basiert auf unserer Forschungsdatenbank und praktischer Erfahrung mit Implementierungsfehlern.

Datenbankabfragen:

./scripts/research/paper-search.sh "holacracy implementation challenges" --contextual
./scripts/research/paper-search.sh "self-organization failure" --contextual

Offenlegung

SI Labs hat diese Fehler sowohl bei eigenen als auch bei begleiteten Implementierungen beobachtet. Unsere Empfehlungen basieren auf dieser Erfahrung.


Quellen

[1] Pfister, A., Schwarz, P., & Wüthrich, C. (2021). “Change the way of working. Ways into self-organization with the use of Holacracy: An empirical investigation.” European Management Review, 18(4), 455-472. DOI: 10.1111/emre.12457 [Empirical Study | Sample: 43 interviews | Citations: 43 | Quality: 76/100]

[2] Bernstein, E., Bunch, J., Canner, N., & Lee, M. (2016). “Beyond the Holacracy Hype.” Harvard Business Review, 94(7/8), 38-49. [Practitioner Review | Sample: Multiple cases | Citations: 61 | Quality: 79/100]

[3] Hülsmann, M. (2023). “When the hierarchy folds: how employees may react.” Journal of Business Strategy, 44(5), 287-297. DOI: 10.1108/jbs-12-2022-0221 [Case Study | Sample: 57 questionnaires, 12 interviews | Citations: 1 | Quality: 55/100]

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