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SelbstorganisationInhouse-Training für Holacracy: Eigene Programme aufbauen
Forschungsbasierter Leitfaden zum Aufbau interner Holacracy-Trainingsprogramme: Curricula, Trainer-Entwicklung und nachhaltige Lernstrukturen.
Ein internes Trainingsprogramm ist der Schlüssel zur nachhaltigen Holacracy-Implementierung. Externe Trainings sind wertvoll, aber teuer und nicht skalierbar. Doch bevor Sie in ein Inhouse-Programm investieren, sollten Sie eine wichtige Erkenntnis aus der Forschung kennen: Training allein reicht nicht.
Die Forschung zu organisationaler Transformation zeigt konsistent: Training ist notwendig, aber nicht hinreichend für erfolgreiche Implementierung [1]. Organisationen müssen fünf strukturelle Voraussetzungen schaffen, bevor Training wirksam wird. Dieser Artikel zeigt, wie Sie beides richtig aufsetzen.
Warum Inhouse-Training?
Skalierbarkeit mit Einschränkungen
Externe Trainings kosten pro Teilnehmer. Inhouse-Training skaliert – einmal entwickelt, können Sie beliebig viele Menschen ausbilden.
Die Rechnung geht allerdings nur auf, wenn:
- Ihre Organisation mindestens 50 Mitarbeiter hat
- Sie einen Zeithorizont von 3+ Jahren planen
- Sie in Trainer-Entwicklung investieren (6-12 Monate)
- Sie die versteckten Kosten einkalkulieren: Opportunity-Kosten, Curriculum-Pflege, Qualitätssicherung
Forschung zur Lern- und Entwicklungsarbeit in der digitalen Transformation zeigt: Viele Organisationen unterschätzen die Tiefe und den Aufwand organisationalen Wandels [2]. Das gilt auch für Trainingsprogramme.
Kontextualität als echter Vorteil
Ein internes Programm kann Ihre spezifische Kreisstruktur, Ihre Rollen, Ihre Governance-Geschichte verwenden. Das macht das Lernen relevanter.
Wichtig: Kontextwissen allein macht noch keinen guten Trainer. Interne Experten brauchen zusätzlich pädagogische Kompetenz – Erwachsenenbildung, Engagement-Design, Transferförderung [3].
Das Hybrid-Modell als Optimum
Die Forschung zeigt: Weder rein intern noch rein extern ist optimal. Das Hybrid-Modell kombiniert:
- Interne Trainer für Kontext und eingebettete Unterstützung
- Externe Trainer für pädagogische Expertise und frische Perspektive
Organisationen, die interne Trainer formal zertifizieren lassen, erreichen die stärksten Ergebnisse [1].
Die strukturellen Voraussetzungen
Bevor Sie in Training investieren: Haben Sie die fünf Erfolgsvoraussetzungen?
| Voraussetzung | Was das bedeutet | Prüffrage |
|---|---|---|
| Wertealignment | Organisationskultur passt zu Selbstorganisation | Wird Eigenverantwortung bereits gelebt? |
| Zeit und Budget | 18+ Monate bis zur Stabilisierung | Haben wir Geduld für die Lernkurve? |
| Rollenklarheit | Klare Definitionen trotz verteilter Autorität | Können wir Rollen sauber definieren? |
| Technologie | Tools für Koordination und Transparenz | Haben wir ein geeignetes System? |
| Leadership-Commitment | Führung lebt Autonomie-Prinzipien vor | Geben Führungskräfte wirklich Kontrolle ab? |
Diese Voraussetzungen sind keine Trainings-Themen – sie sind Change-Management und Organisationsdesign [1]. Training kann sie nicht ersetzen.
Die drei Trainingslevel
Level 1: Basis-Teilnehmer
Zielgruppe: Alle Kreismitglieder
Lernziele:
- Holacracy-Grundbegriffe verstehen
- Als Kreismitglied konstruktiv teilnehmen
- Spannungen erkennen und einbringen
- Den IDM-Prozess aus Teilnehmerperspektive verstehen
Umfang: 4-6 Stunden
Format: Workshop mit Übungen
Forschungserkenntnis: Spielbasiertes Lernen ist für das Verstehen von Governance-Mechanismen besonders effektiv [3]. Ein Brettspiel-Ansatz (“Little Bookcase Publications”) zeigt: Lernende, die Holacracy-Prozesse spielerisch simulieren, verstehen die Mechanik besser als durch reine Wissensvermittlung.
Einschränkung: Spiele vermitteln Verfahren, nicht die emotionalen und politischen Dimensionen realer Meetings. Ergänzen Sie spielbasiertes Lernen durch Beobachtung echter Governance-Meetings.
Level 2: Facilitator-Ausbildung
Zielgruppe: Designierte Facilitatoren
Lernziele:
- Governance-Meetings selbstständig leiten
- Taktische Meetings facilitieren
- Interventionen durchführen
- Einwände testen
Umfang: 16-24 Stunden verteilt auf mehrere Tage
Format: Theorie, Übungen, Supervision
Kritischer Erfolgsfaktor: Die Forschung zum Übergang von traditionellen zu holakratischen Systemen zeigt: Facilitator-Kompetenz ist entscheidend für den Implementierungserfolg [1]. Organisationen, die früh in Facilitator-Training investieren, erreichen schneller produktive Meetings.
Für Details siehe Facilitator-Training in Holacracy.
Level 3: Trainer-Ausbildung
Zielgruppe: Interne Trainer, die andere ausbilden
Lernziele:
- Basis-Training selbstständig durchführen
- Facilitator-Training begleiten
- Trainingsmaterialien adaptieren
- Lernfortschritt bewerten
Umfang: Zusätzlich 16-24 Stunden plus Praxis
Format: Didaktik-Workshop, begleitete Trainings
Forschungserkenntnis: Trainer brauchen drei Kompetenzfelder [2], [4]:
- Fachkompetenz – Holacracy-Tiefenwissen
- Pädagogische Kompetenz – Erwachsenenbildung, Transferförderung
- Organisationskompetenz – Verständnis für politische und kulturelle Dynamiken
Fachexperten ohne pädagogische Ausbildung produzieren inkonsistente Ergebnisse. Investieren Sie in Train-the-Trainer-Programme.
Das Inhouse-Curriculum entwickeln
Schritt 1: Bestandsaufnahme
Fragen:
- Welches Vorwissen existiert bereits?
- Welche internen Ressourcen (Zeit, Budget, Expertise) haben wir?
- Welche Trainingsformate passen zu unserer Kultur?
- Wie viele Menschen müssen in welchem Zeitraum trainiert werden?
Schritt 2: Kernmaterialien zusammenstellen
Basis-Training-Materialien:
- Einführungspräsentation (Kernkonzepte)
- Übungsszenarien für Governance- und Tactical-Meetings
- Glossar der Holacracy-Begriffe
- Kurzreferenzen für Meetings
Spielbasierte Elemente: Simulationen, in denen Teilnehmer Governance-Entscheidungen treffen, bevor sie echte Meetings erleben [3].
Digitale Ressourcen:
- Aufgezeichnete Beispiel-Meetings
- Interaktive Quizze
- Referenzkarten für Smartphones
Schritt 3: Trainer identifizieren und entwickeln
Anforderungsprofil für interne Trainer:
- Erfahrung als Facilitator (mindestens 6 Monate)
- Interesse an Wissensvermittlung
- Bereitschaft zur pädagogischen Weiterbildung
- Glaubwürdigkeit in der Organisation
Entwicklungspfad:
- Formale Facilitator-Zertifizierung (extern empfohlen)
- Pädagogische Grundausbildung (Erwachsenenbildung)
- Begleitete Trainings unter Supervision
- Selbstständige Durchführung mit Feedback
Forschung zur Rolle des mittleren Managements zeigt: Trainer befinden sich oft in einem “Bermuda-Dreieck” zwischen Führungserwartungen, Implementierungsanforderungen und Verhaltensänderung [4]. Geben Sie ihnen klare Rollen und Unterstützung.
Schritt 4: Pilotieren und iterieren
Pilotgruppe auswählen:
- 10-15 Teilnehmer
- Mischung aus Erfahrenen und Neuen
- Feedback-orientierte Kultur
Nach jedem Pilot:
- Systematisches Feedback sammeln
- Materialien anpassen
- Trainer-Reflexion durchführen
Unterstützungsstrukturen aufbauen
Beyond Training: Die organisationalen Voraussetzungen
Die Forschung zeigt klar: Selbst exzellentes Training scheitert ohne organisationale Unterstützung [1].
Was Sie parallel zum Training etablieren müssen:
- Coaching-Struktur: Erfahrene Facilitatoren als Ansprechpartner für Fragen
- Übungsräume: Regelmäßige Gelegenheiten, neue Fähigkeiten zu praktizieren
- Fehlertoleranz: Kultur, die Lernfehler akzeptiert
- Führungsvorbilder: Führungskräfte, die selbst sichtbar lernen
Die Rolle des mittleren Managements
Forschung zeigt: Mittleres Management ist entscheidend für Implementierungserfolg – und gleichzeitig am stärksten gefährdet [4].
Drei Perspektiven auf mittleres Management:
- Nicht mehr benötigt (radikal)
- Unzureichendes Potenzial (zynisch)
- Einzigartige Brückenposition zwischen Führung und operativer Ebene (realistisch)
Implikation für Training: Manager brauchen spezifische Unterstützung für ihre Identitätstransformation. Behandeln Sie sie nicht als Problem, sondern als kritische Verbündete.
Spielbasiertes Lernen richtig einsetzen
Die Forschung zu spielbasiertem Holacracy-Lernen zeigt klare Vorteile – aber auch Grenzen [3].
Was Spiele gut können
- Governance-Mechanik vermitteln: Prozedurale Abläufe üben
- Niedrigschwelliger Einstieg: Komplexität spielerisch erschließen
- Engagement erhöhen: Aktives Lernen wirksamer als passive Wissensvermittlung
Was Spiele nicht können
- Politische Dynamiken simulieren: Echte Karriererisiken und Machtkämpfe fehlen
- Emotionale Dimension abbilden: Wenn Rollen eliminiert werden, ist das kein Spiel
- Transfer garantieren: Spielkompetenz ≠ Praxiskompetenz
Empfehlung: Nutzen Sie Spiele für das Basis-Training (Level 1), ergänzen Sie aber durch:
- Beobachtung echter Meetings
- Reflection-Sessions nach ersten Praxiserfahrungen
- Coaching bei schwierigen Situationen
Erfolg messen
Kurzfristige Indikatoren (0-3 Monate)
- Teilnehmer-Zufriedenheit mit Training
- Wissenstests bestanden
- Erste aktive Teilnahme an Meetings
Mittelfristige Indikatoren (3-12 Monate)
- Qualität der Governance-Vorschläge
- Meeting-Effizienz (Zeit pro Entscheidung)
- Selbstständige Spannungsverarbeitung
Langfristige Indikatoren (12+ Monate)
- Autonome Kreisführung ohne externe Unterstützung
- Trainer-Nachwuchs aus internen Reihen
- Kulturelle Verankerung von Selbstorganisation
Warnsignale
- Training absolviert, aber kein Verhaltensänderung
- Hohe Fluktuation unter Trainierten
- Zunehmende “Governance-Schulden” (Meetings über Meetings)
Diese Signale deuten auf strukturelle Probleme hin, nicht auf Trainingsmängel.
Häufige Fehler vermeiden
Fehler 1: Training ohne Struktur
Problem: Training investieren, aber organisationale Voraussetzungen ignorieren.
Lösung: Erst die fünf Voraussetzungen prüfen, dann Training planen.
Fehler 2: Interne Experten als Trainer
Problem: Fachexperten ohne pädagogische Ausbildung produzieren schlechte Trainingsergebnisse.
Lösung: Investieren Sie in Train-the-Trainer – externe Zertifizierung oder pädagogische Grundausbildung.
Fehler 3: Spiele als Ersatz für Praxis
Problem: Spielbasiertes Training schafft falsches Sicherheitsgefühl.
Lösung: Spiele + echte Meeting-Beobachtung + Coaching kombinieren.
Fehler 4: Kosten unterschätzen
Problem: Nur direkte Kosten rechnen, versteckte Kosten ignorieren.
Lösung: Vollkostenrechnung: Entwicklung (6-12 Monate), Opportunity-Kosten, Maintenance, Qualitätssicherung.
Ressourcen und nächste Schritte
Wo anfangen?
- Strukturelle Voraussetzungen prüfen – Haben Sie die fünf Erfolgsfaktoren?
- Entscheidung extern vs. intern treffen
- Trainer identifizieren und Entwicklungspfad planen
- Pilotprogramm mit kleiner Gruppe starten
- Iterieren basierend auf Feedback
Weiterführende Artikel
- Facilitator-Training in Holacracy
- Externe vs. interne Facilitatoren
- Implementierungs-Zeitplan
- Change Management in der Selbstorganisation
Quellen
[1] Pfister, A., Schwarz, P., & Wüthrich, C. (2021). “Change the way of working. Ways into self-organization with the use of Holacracy: An empirical investigation.” European Management Review, 18(4), 455-472. DOI: 10.1111/emre.12457 [Empirical Study | Sample: 43 interviews | Citations: 43 | Quality: 80/100]
[2] Erpenbeck, J., & Sauter, W. (2017). “Learning & Development in Times of Digital Transformation: Facilitating a Culture of Change and Innovation.” International Journal of Advanced Corporate Learning, 10(1), 23-32. DOI: 10.3991/ijac.v10i1.6334 [Conceptual Paper | Sample: Literature synthesis | Citations: 121 | Quality: 75/100]
[3] Treanor, M., & Lincicum, N. (2017). “Learning Holacracy Fundamentals Through Play.” Proceedings of the 2017 ACM SIGCHI Conference on Creativity and Cognition. [Design Research | Sample: Game evaluation | Citations: 2 | Quality: 60/100]
[4] Hirschfeld, R., & Michel, L. (2020). “The Role of Middle Management in Continuous Improvement: The Bermuda Triangle of Leadership, Implementation and Behavioral Change.” Journal of Management Policy and Practice, 21(1), 87-102. DOI: 10.15640/jmpp.v8n1a5 [Conceptual Paper | Sample: Literature synthesis | Citations: 6 | Quality: 68/100]
[5] Scharnhorst, A., & Masselink, L. (2019). “Radically Self-Organized - Learnings from Transformation Towards Holacracy.” Academy of Management Proceedings, 2019(1), 10587. DOI: 10.5465/ambpp.2019.10587abstract [Case Study | Sample: 5 Swiss organizations | Citations: 1 | Quality: 65/100]
Forschungsmethodik
Diese Analyse basiert auf einer systematischen Auswertung von Studien zur organisationalen Transformation und Holacracy-Implementierung aus der SI Labs Forschungsdatenbank (655 Arbeiten). Die zitierten Studien wurden nach folgenden Kriterien ausgewählt:
- Thematische Relevanz: Fokus auf Training, Lerndesign, oder Implementierungserfolg
- Empirische Grundlage: Bevorzugung von Studien mit konkreten Daten
- Aktualität: Studien der letzten 10 Jahre bevorzugt
- Methodische Qualität: Klare Forschungsdesigns
Limitationen: Die Forschung zu Holacracy-Training ist begrenzt. Einige Erkenntnisse sind aus allgemeiner Trainingsforschung übertragen, was die Übertragbarkeit einschränken kann.
Offenlegung
SI Labs praktiziert Holacracy seit 2015 und hat ein eigenes Inhouse-Trainingsprogramm entwickelt. Unsere Perspektive ist die eines Praktikers, nicht eines neutralen Beobachters. Wir bieten keine externen Trainingsdienstleistungen an – unser Interesse ist, dass Organisationen die für sie richtige Entscheidung treffen, ob das intern oder extern ist.